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100 Porträts - Teil 3 von 4

Wieder einmal 25 Porträts, hinter denen die so eine oder andere tiefgründige Geschichte steckt. Ich habe zum Ende hin begonnen, dem ganzen Projekt noch mehr Tiefe zu verleihen und wollte den Gesichtern, die ich porträtiere, auch noch einen inspirierenden Effekt hinzufügen. Aus diesem Grund habe ich die Menschen gefragt, ob sie mir eine Geschichte über Mut erzählen können. Vielleicht befindet sich der ein oder andere Betrachter und Leser dieses Blogs ja in einer ähnlichen Situation. Ich möchte zeigen, dass jeder Mensch mutig sein kann. Dass wir alle die gleichen Schwierigkeiten überwinden müssen und zu kämpfen haben. Dass wir alles schaffen können, weil andere das auch schon geschafft haben. Weil alles möglich ist!

Ich freue mich, meinen ganzen Stolz hier präsentieren zu dürfen. Porträt 51 bis 75, Menschen aus Indonesien, Malaysia, Australien und Deutschland. Lasst mir doch bitte einen Kommentar da, wie ihr die Geschichten, Fotos oder auch beides findet.

DANKE für euer Interesse,

 

euer Martin

51 - Dieses Foto habe ich noch in Bali gemacht, als ich an einem Abend auf dem Sumberkima Hill in Pemuteran den Sonnenuntergang anschauen wollte. Jungs haben beim Fußball Spielen graubraunen Staub aufgewirbelt, während im Hintergrund die Sonne in kräftigem Gelborange hinter einem Königsgespann aus fünf massiven Vulkanen verschwand. Dass die Kinder trotz dieser Urgewalt im Rücken unbekümmert ihrem Spiel folgten, war für mich ein Moment, den ich so wahrscheinlich nie wieder erleben werde. Deshalb dieses Porträt von einem der Jungen, die total lässig und cool in die Kamera gepost hat. Es ist immer wieder schön Kinder zu treffen und Fotos von ihnen zu machen. Für mich persönlich ganz besondere Momente.

52 - Diesen Herren traf ich in Kuala Lumpur, Malaysia. Er saß auf der Treppe vor einer der Bahnstationen und sammelte Geld. Ich setzte mich zu ihm und fragte ihn, was mit seinen Beinen los war. Denn diese waren überdimensional angeschwollen. Ich verstand nicht so recht das Fachwort dafür, aber er erklärte mir, dass es mehrere tausend Euro kosten, diese Krankheit zu heilen, die er schon seit einem Jahr ertragen musste. Ich habe ihm etwas Geld dagelassen und ein beeindruckendes Gesicht auf einem Porträt bekommen. Ich hoffe, dass er bald einen Weg der Heilung findet.

53 - Dieser alte Mann ist früher viel um die Welt gereist. Er war auch einer der armen Menschen in Kuala Lumpur, die um Geld betteln mussten. Er saß an der Station "Masjid Jamek". Ich fragte erst, ob ich ein Porträt machen darf, dann setzte mich zu ihm und begann ein Gespräch, bei dem ich mehr über ihn herausfinden wollte. Er sammelte Geld für ein Sauerstoffgerät, dass umgerechnet etwas mehr als 25 Euro kosten würde. Er hatte gerade so die Hälfte zusammen und machte mir klar, dass es sehr viel Geld für ihn darstellte. Ohne das Gerät litt seine Lebensqualität ungemein und er musste mehrmals pro Woche lange Weg zum Krankenhaus zurücklegen. Ich entschied mich dafür, ihm das komplette fehlende Geld zu geben. Ich wollte, dass HEUTE der Tag ist, an dem sich sein Leben verbessert. Und für mich war es einfach ein kleiner Betrag, für ihn etwas sehr Großes. 

Ich habe ihn danach nicht wieder getroffen. Ich wünsche ihm einfach das Beste, egal, ob er sich wirklich das Gerät gekauft hat oder nicht. Ich habe diese Entscheidung aus aufrichtigem Gefühl gefällt und das ist, was zählt.

54 - Dieser Nuss- und Snackverkäufer hat schlecht Englisch gesprochen und verstanden, aber wenigstens konnte ich ihm klarmachen, dass ich ein Foto machen will. Seine Augen waren trüb und er etwas verlegen, doch gerade das macht dieses Foto so eindrucksvoll in meinen Augen. Mit dem schicken Hemd, den gekämmten Haaren und dem Bart wirkt er wie aus einer anderen Zeit.

55 - Wie sehr ich Schwarzweiß-Fotografien mag. Gerade bei diesem Porträt mit dem weißen Bart und all den kleinen Details macht es richtig Spaß genauer hinzuschauen.

Dieser alte Opa saß mit seinem Enkel auf einer Decke direkt an einer großen Straße sehr nahe am Kuala Lumpur Stadtzentrum und zusammen verkauften sie Taschentücher und anderen Kleinkram. Es war ein unscheinbares Bild, so wie sie da saßen und viele Menschen sich sicherlich vorbeigelaufen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Ich jedoch hielt kurz inne, machte einen Schnappschuss und überwand mich nach einem Porträt zu fragen. Es ist immer wieder aufs Neue eine kleine Hürde, die ich springen muss, doch es lohnt sich ohne Ausnahme immer.

56 - Dieser freundliche Verkäufer in einem der Stände auf dem Central Market in Kuala Lumpur ist ursprünglich chinesicher Abstammung, wurde aber in Malaysia geboren. Ich bin einfach vorbeigelaufen und fragte ihn kurz, ob ich ein Porträt von ihm machen dürfte. Ich habe leider schon vergessen, was er an seinem Stand verkaufte. Er erzählte mir aber, dass er diesen Job noch nicht lange hatte. Für das Porträt holte er sogar seine Brille heraus und zeigte mir beide Daumen. Ziemlich niedlich.

57 - Didy, eine angehende Meisterin der ätherischen Öle. Ich traf sie in Sandakan auf Borneo, als ich nach Mabul Tauchen gehen wollte. Wir unterhielten uns übers Leben und Ansichten über die Welt. Sie war untypischerweise christlichen Glaubens, normalerweise ist der Islam die Staatsreligion in dem Land. Als ich etwas kränkelte, brachte sie mir drei verschiedene Probepackungen ihrer Öle, die man mit dem Zeigefinger im Uhrzeigersinn auf der Handfläche verreiben sollte und dann auf Nacken, Lymphknoten oder an anderen Stellen anbringen konnte. Vor allem Pfefferminz war sehr interessant. Es wurde durch die Luft richtig kalt und man spürte einen kühlenden Effekt auf der Haut. Sie zeigte mir auch die ein oder andere Ecke in dieser recht langweiligen kleinen Stadt und wo man billig essen konnte. Ich danke ihr sehr für ihre Hilfe und freue mich, sie kennengelernt zu haben. Alles Gute für dich!


58 & 59 - Budi und Sharihl. Zwei Zigarettenverkäufer aus Sandakan. Der zweite erinnert mich etwas an 50 Cent, den Rapper. Ich machte eine Fotorunde durch Sandakan und kam dabei ins Gespräch mit ihnen (wie so oft, weil ich etwas Malaysisch sprach) und fragte, womit sie so ihr Geld verdienten. Sie verkauften Zigarettenpackungen am Straßenrand und das war voraussichtlich auch ihr Job für die nächsten Jahre. Sie hatten die Schule nicht beendet (oder nicht besucht) und so kam halt nur ein Job in Frage. Für mich recht traurig, doch Borneo ist allgemein etwas ärmer und weniger entwickelt als Kuala Lumpur und Umgebung. Ich sah viele Straßenverkäufer in dieser Stadt.

60 - eins meiner Lieblingsfotos überhaupt. Es ist um genau zu sein, einer von zwei Schnappschüssen, die ich auf einem Rundgang über die kleine Insel Mabul gesammelt habe. Dabei war dieses Mädchen so glücklich, dass ich mit meiner Kamera an ihrem Haus vorbei lief, dass ich es nicht lassen konnte und sie fotografierte. Ihr Lächeln bringt mich zum Lächeln, und zwar jedes Mal aufs Neue. Unglaublich, welche aufrichtige Kraft darin steckt und wie sehr es mich und vielleicht auch andere Betrachter in den Bann zieht. Obwohl viele andere Bewohner dieser Insel nicht lächelten und eher traurig wirkten, war da dieses Mädchen, das einfach auf den Holzplanken lag, bis ein Fremder mit Kamera  vorbeikam. In meinen Augen ist dieser Schnappschuss so gelungen, weil sie mit ihrem Gesicht zwischen den Holzplanken hervorschaut und der Blick auf ihre tiefschwarzen Kinderaugen fällt.

61 - Mo, unser Dive Master in Mabul, Borneo-Malaysia. Mo(hammed) war mit Abstand die lustigste Person auf Mabul. Ich war froh, dass er unser Dive Master war. Trotz des Herumalberns war er stets konzentriert, professionell und höchst aufgeregt, wenn es zum nächsten Tauchspot ging. Wir sahen die wundervollsten Dinge unter Wasser, bunte Korallen, Schildkröten und einen kleinen Hai. Ich kann gar nicht alles aufzählen. Eines Tages erzählte er uns mehr über sich und wir staunten nicht schlecht: 6 Jahre Dive Master in Mabul. Er meinte, er habe mehr als 10.000 Tauchgänge absolviert. Uns wären fast die Augen rausgefallen. Ich rechnete nach und überschlug die Zeit, die er unter Wasser verbracht hatte. Es musste knapp ein ganzes Jahr gewesen sein. In 6 Jahren 1 Jahr unter Wasser zu sein ist für mich eine unglaublich beeindruckende Leistung und damit war mir klar, dass ich ein Porträt von ihm machen möchte.

Er sammelt weiterhin all die Stunden, damit er irgendwann ein Dive Instructor werden und anderen interessierten Menschen das Tauchen beibringen darf. Ich wünsche ihm dabei viel Erfolg und dass ihm nie die Luft ausgeht.

62 - Im Gegensatz zu dem Mädchen auf Porträt 60 schauten viele Kinder und Erwachsene auf Mabul eher wie dieses Mädchen. Auf schmalen Booten (eher Nussschalen) schipperten sie an den Hütten vorbei um allerlei Dinge zu verkaufen und ihr Überleben zu sichern. Für mich sagt dieser Blick aus: "Ich weiß, was mich in der Zukunft erwartet." In Mabul wohnt eine Mehrheit von Zigeunern, die ohne Staatsangehörigkeit auf dieser Insel festsitzen. Die Insel liegt nämlich im Dreieck von Malaysia, Indonesien und den Philippinen und ist dadurch sehr mitgenommen von Gebietskämpfen und auch Geiselnahmen durch philippinische Piraten.

Mal ganz von der Hintergrundgeschichte abgesehen, ist dieses Porträt in der Dämmerung entstanden und war das einzige Foto, das ich auf die Schnelle machen konnte, da die Mutter dafür Geld haben wollte. Die Komposition aus all den Farben, von türkis über blau bis braun und grau, wirkt wie zurechtgelegt. Der Hut auf ihren Beinen, das Tau am Kopfende, die dünne Unterlage - alles eindrucksvoller Zeuge und bestes Beispiel für die Zustände in Mabul und Umgebung. Unvorstellbar, wie schwierig es sein muss, aus diesem Lebenszyklus auszubrechen.


63 - Dieses Porträt musste ich aus persönlichen Gründen entfernen.


64 - die älteste Barkeeperin (in Malaysia?) Zumindest war ich in der ältesten Bar in Melakka, einer wunderschönen Kleinstadt im Süden von Halbinsel-Malaysia. Diese Frau schenkte schon vor vielen Jahren Alkohol aus und tut dies immer noch. Die Bar, in der sie arbeitet, sah total unscheinbar aus, eher wie ein Laden für alkoholische Getränke. Alles war so klein und niedlich und echt gut erhalten, obwohl die Bar mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hatte. Allgemein hat mir Melakka ziemlich gut gefallen, so gemütlich und ruhig. Auf meinem Instagram-Profil malebenleben könnt ihr euch die Bar und andere Eindrücke der Stadt anschauen.


65 & 66 - Zwei Brüder aus Bangladesch, die in Kuala Lumpur im Raizzys Guesthouse arbeiten. Dieses Hostel ist meine dringende Empfehlung für alle, die in Kuala Lumpur billig wohnen wollen. Es hat nicht die schönsten Räume und Betten, das Frühstück ist auch nur Toast mit Marmelade, aber die Stimmung und das Miteinander werden einfach unvergesslich bleiben. Die Art, wie sie lustig waren, ihr Humor - einfach total süß und so herzlich, dass ich beide einfach nur knuddeln wollte die ganze Zeit. Wenn ich zurück nach Kuala Lumpur gehe, werde ich die beiden auf jeden Fall besuchen gehen. Vergessen kann ich sie jedenfalls nicht.

67 - Elaine So, 25 Jahre alt. Ich lernte sie, kurz bevor ich nach Australien flog, kennen und war hin- und hergerissen. Sollte ich weiterhin Kontakt mit ihr haben? Ich würde doch ziemlich lange in Australien bleiben und war mir nicht sicher, wohin ich danach wollte. Wir hatten nur noch Zeit für zwei Dates, eines im Kino und eines im Petrosains Kuala Lumpur. Das Petrosains ist ein riesiges Center für Wissenschaft, bei dem vor allem Familien mit ihren Kindern die Gesetze der Mathematik, Physik und Biologie erkunden können. Wir haben uns für mehrere Stunden wieder wie kleine Kinder gefühlt. Bis heute schreiben und telefonieren wir jeden Tag, ums uns in all der Zeit besser kennenzulernen.

Auf dem Portrait sieht man auch ihr Chakra-Armband, von dem ich sehr fasziniert war. Nun habe ich auch eins (von ihr bekommen). Zur Zeit studiert Elaine noch, arbeitet nebenbei im Fitnessstudio und bei einer Firma für Video- und Fotografie, und als wäre das noch nicht genug, babysittet sie nebenbei noch ihren kleinen Neffen. Sie war schon in Indien und hat dort ihre Ausbildung zum Yoga-Instructor abgeschlossen. In den Gesprächen mit ihr merke ich, wie wir auf dem selben Level kommunizieren und uns gegenseitig bei verschiedenen Themen unterstützen und ergänzen.

Ich bin mir sehr sicher, dass da noch eine ganz große Geschichte auf uns wartet.

68 - Wiyne O, The Hat Man mit seinem treuen Begleiter Banjo. Viele kennen dieses Portrait schon, da ich es auf Instagram gepostet und an einem Schwarz-Weiß-Fotografie-Wettbewerb mitgemacht habe. Es war mein erstes Portrait in Sydney, nachdem ich in Australien angekommen war. Ich lief durch die mit Menschen gefüllte Innenstadt, als ich ihn mit seinem Hund auf dem Boden sitzen sah. Er malte etwas mit Kreide zwischen die hastenden Füße der Fußgänger. Keiner schaute herunter um es zu lesen. Ich blieb stehen und lächelte. Dort stand: "SMILE! BE HAPPY!" in bunten Buchstaben. So eine einfache Botschaft und keinen interessierte es. Während er die Wörter zu Ende malte, kraulte ich ein bisschen den Hund und spielte Ball mit ihm. Dann konnte ich ein Foto von den beiden machen und ihn fragen, was er so machte. Es spürte, wie glücklich ich war, als ich ihm in die Augen schaute und pure Freude entdeckte. Der Mann war glücklich und sehr froh über Banjo. Er kümmerte sich sorgsam um ihn und ließ ihn niemals allein. Am Ende entscheidet nämlich nicht der neue Anzug oder die vergilbte Jacke, ob du reich oder arm bist, sondern die Größe deines Herzens und die Taten, die du damit vollführst. Ich bin so glücklich über dieses Foto, weil ich mir niemals im Leben hätte vorstellen können, dass ich so ein Portrait mein Eigen nennen darf. Unglaublich bewegend!

69 - O Sole Mio. Pierre, ein gebürtiger Italiener, ist 75 Jahre alt und reist seit 15 Jahren durch die Welt, um Kindern überall Bildung zu ermöglichen. Dabei tritt er immer in den verrücktesten Kostümen auf, singt mit Klassen und Kindergrupppen und bringt ihnen so einiges bei. Und all das, ohne von irgendwem Geld dafür zu verlangen. Das alles begann, als er aufgrund seines Blumengeschäfts nach Ecuador musste und ihm klar wurde, dass es wenig bringt, den Armen Geld zu spenden. Vielmehr brauchten sie Bildung. Diese Erkenntnis änderte sein ganzes Leben.

Er ist der erste, den ich nach einer Geschichte über Mut fragte. Ich habe mir vorgenommen, meinen Porträts mehr Tiefe zu verleihen sowie die Fähigkeit, andere Menschen zu Mut und Tatendrang zu motivieren. Ich fragte ihn, ob er jemals Angst hatte, durch seine Kostümierung ausgelacht oder verurteilt zu werden. Er antwortete: "Nie! Ich habe es einfach gemacht. Es ist für die Kinder. Sie wollen träumen."

In einer Welt, in der man für Kleinigkeiten so hart verurteilt werden kann, ist er das komplette Gegenteil. Und er singt einfach drauf los, mitten in der Fußgängerpassage. Während viele ihn vielleicht für verrückt halten, ist er in meinen Augen ein unerschrockener, mutiger Mann, der zwischen all dem tristen Grau der Großstadt einen bunten Paradiesvogel darstellt. Meiner Meinung nach sollte es mehr von diesen Menschen geben.

70 - Auch, wenn sich die beiden äußerlich sehr ähneln, waren sie wohl eher ein Pärchen. Ich fragte ebenfalls nach einer mutigen Geschichte. Und nach langem Überlegen meinten sie, sie würden mir eine ausführliche Geschichte per Email zukommen lassen. Leider habe ich bis heute noch keine bekommen. Das ist aber nicht weiter schlimm. Ich mag die glücklichen Gesichter der beiden und wie sie zueinander stehen.

71 - Zu diesem alten Mann gibt es keine Geschichte und auch keine Hintergrundinformationen. Ich mag einfach dieses Bild von einem bärtigen Mann mit zerschlissener Lederjacke, fleckigem T-Shirt, vergilbtem Bart und einem Blick, der tausende Geschichten erzählen könnte. Es ist wahrscheinlich einfach ein charakterstarkes Gesicht und so etwas fällt mir auf, sodass ich diese Personen nach einem Foto frage. Was denkt ihr von diesem Mann?

72 - Kate, gebürtige Südafrikanerin. Auch sie hat eine mutige Geschichte zu erzählen. Ich traf sie in Sydney, als sie mit einem Ballon auf der Bank saß (einfach ein perfekter Schnappschuss). Danach redeten wir ein bisschen über mein Projekt und ich fragte sie nach einer mutigen Geschichte. Zufälligerweise war der Ballon ein Teil davon. Sie wartete nämlich auf ihre Freunde, um etwas Bedeutendes zu feiern. Vor 3 Jahren zog sie von Südafrika nach Sydney, um mit ihrem damaligen Freund zusammenzuziehen. Sie heirateten. Doch nach diesem besonderen Tag änderte sich sein Charakter schlagartig und nichts war wie vorher. Sie hätte einfach wieder zurückgehen können in ihre Heimat. Stattdessen versuchte sie diese verzwickte Situation in Australien zu regeln. Dabei halfen ihr ihre neuen Freunde. Sie meinte, ohne diese Freunde hätte sie die extrem schwere Zeit nie überstanden.

Der Tag, an dem ich sie mit dem Ballon traf, war der erste offizielle Tag, an dem die Scheidung vollständig vollzogen war und deshalb wartete sie auf der Bank auf ihre Freunde, um diesen Moment gebührend zu feiern. Ich freue mich, sie getroffen zu haben und wünsche ihr weiterhin eine wundervolle Zeit in Australien!

73 - Jordi aus Bayern, 20 Jahre alt. Er ist in Cairns um Dive Master zu werden. Da er die Ausbildung als Praktikum absolviert, verdient er in der Zeit kein Geld. Mit seinem vorhandenen Geld muss er sparsam umgehen, sodass er mit etwa 5$ pro Tag auskommen muss. Das ist in meinen Augen ein mutiger Versuch, im teuren Australien zu überleben. Manchmal kann das aber auch sehr witzig sein, vor allem mit seinen trockenen Kommentaren zu der ganzen Sache. In meiner Kurzgeschichte über unsere waghalsigen Casinobesuche könnt ihr erfahren, ob er sein Budget etwas aufstocken konnte. Er kam etwa zur selben Zeit nach Cairns wie ich und wird auch bis Ende Januar bleiben. Zusammen mit Lasse haben wir richtig viel Spaß und lachen den ganzen Tag. Ich bin sehr froh, die beiden zur Zeit um mich zu haben.

74 - Lasse aus Hamburg. Er hat gerade erst sein Abitur beendet und ist direkt nach Australien. Ich war schon bei der ersten Begegnung sehr beeindruckt von ihm. Warum? Er hat eine Teillähmung in seinen Beinen, die er schon seit Kindheitstagen hat. Er kann laufen, aber seine Beine machen nur bedingt, was er will.

Aber nicht nur, dass er allein! durch Australien reist, den Urwald erkundet oder mit Koalas posiert, er hat sich sogar dazu entschlossen, Tauchen zu lernen. Vor zwei Wochen kam er dann nach 3 Tagen Tauchkurs zurück und seine Augen glänzten vor Freude und Stolz. Er war 9 mal getaucht und nun besaß er den Tauchschein. WOW! Ich wusste, wie er sich fühlte, weil Tauchen einfach so etwas Wunderschönes ist. Ich freute mich riesig für ihn mit.

Ich bewundere immer noch, wie unerschrocken er durch die Welt geht. Er ist ein ganz großes Vorbild für viele, die zögern und aus ihrer Komfortzone nicht herauskommen. Es geht alles - nur halt anders. So will er auch seinen Blog nennen, den er vor kurzem (mit ein bisschen Hilfe und Motivation meinerseits) angefangen hat. Auch er bleibt noch eine Weile und bringt uns vielleicht den ein oder anderen Schachzug bei (in Deutschland hat er Kinder im Schach unterrichtet). Außerdem fasziniert er auch mit einer ganzen Reihe an Ansichten, die ihn sehr erwachsen wirken lassen. Neben all den Blödeleien haben wir auch immer wieder tiefgründige Gespräche. Das gefällt mir sehr!

75 - Klara aus Deutschland. Auch sie hat gerade erst das Abitur beendet. Vor ein paar Tagen kam sie mit ihrem Freund ins Hostel und eines Morgens fielen mir ihre verschiedenen Augenfarben auf. Direkt fragte ich sie nach einer Geschichte über Mut. Es kam ziemlich unerwartet: Mit 15 hat sie Deutschland verlassen, um ein Austauschjahr in Australien zu machen. Wenn ich mir überlege, was ich so mit 15 gemacht habe... haha. Aber dem nicht genug, sie erzählte mir, dass sie in eine Familie kam, die sich absolut überhaupt nicht um sie als Mensch kümmerte. Sie war einfach nur die Möglichkeit, vom Staat Geld zu bekommen. Sie wurde durchweg unfair behandelt und wurde angeschrien und runtergeputzt für nichtige Gründe. Selbst, wenn sie die Wahrheit sagte, wurde sie des Lügens bezichtigt. Ihre Gastschwester redete im  ganzen Jahr nur zwei Male mit ihr. Zu Weihnachten sollte sie das Haus verlassen und den Kühlschrank oder Fernseher durfte sie auch nicht benutzen. In meinen Ohren klang das nach einer grausamen Zeit und ich fragte sie, warum sie die Familie nicht gewechselt hat. Der Ansprechpartner dafür war ein Freund der Familie und kümmerte sich ebenso wenig um Klaras Wohl wie die Familie. Selbst nach dreimaligem Nachfragen meldete sich niemand bei ihr, um sie dort herauszuholen. Sie sagte sich immer wieder, dass es alles gar nicht so schlimm sei und machte ganz stark weiter. Ihrer Familie in Deutschland erzählte sie lieber nicht zu viel davon, sonst machte sich ihre Mutter nur viel zu große Sorgen. Was für eine Situation! Doch es gab einen Lichtblick. Ihre beste Freundin, die sie in Sydney kennenlernte. Zusammen mit der Mutter ihrer besten Freundin konnte sie immer wieder Kraft sammeln, fand Hilfe, eine Übernachtungsmöglichkeit oder die nötigen Umarmungen. Sie fand in dieser Familie den Halt, den sie von ihrer Gastfamilie nie bekommen hätte. So schaffte sie es, ein Jahr in Australien zur Schule zu gehen und all die Demütigung und das absolute Desinteresse zu überstehen. 

Ich fühlte mich beim Zuhören zurückerinnert an meine eigene Vergangenheit, als auch ich zu kämpfen hatte. Ich wusste, dass das jedem passieren konnte. Wichtig ist, dass wir nach einem Weg finden, damit umzugehen oder die Situation zu ändern. Obwohl Klaras Selbstbewusstsein ziemlich litt, ist sie bedeutend stärker zurückgekommen als sie vorher war. Ich verneige mich vor ihr und hoffe, dass sie mit ihren Erfahrungen nun anderen helfen kann.


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Kommentare: 1
  • #1

    Jana (Dienstag, 20 November 2018 19:28)

    Hallo Martin :)
    Wunderschöne Porträts und oft tolle Geschichten dazu. Es macht Spaß sie zu lesen und die Bilder anzuschauen. Ich habe 1...2.. 3...4...ganz viele Lieblingsfotos. :)
    Genieße weiter deine Zeit mit dem Fotografieren und den Geschichten dazu. Tolle Idee, bisschen in die Tiefe dabei zu gehen. Wir sind stolz auf dich.
    Sei gedrückt und geknuddelt von
    Andreas und Mama :)