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100 Porträts - Teil 4 von 4

76 - Eine Reisbäuerin aus Bali. Sie und die Frau auf dem folgenden Porträt saßen am Straßenrand im Schatten, als ich gerade mit meinem Roller zu einem Strand fuhr. Ich entschied mich, am Rand der schmalen Straße anzuhalten und die paar Meter zurückzulaufen, in denen ich überlegt hatte, ob es komisch wäre, sie nach einem Porträt zu fragen. Als ich ankam, waren sie total überrascht. Aber sie hatten kein Problem damit, wie fast ausnahmslos alle Personen, die ich um ein Foto bat. Erst, als ich vor ihr stand, bemerkte ich ihre blauen Augen und fragte mich, ob diese mit dem Alter kamen. Normalerweise gibt es in Asien keine blauen Augen.

77 - Dieses Porträt könnte der Anfang einer Geschichte sein. Ihre friedliche Art, der seitliche Sitz, die Hände mit den Handflächen nach oben, Hut und lange Ärmel zum Schutz vor der Sonne - all das lässt Spielraum für eine wundervolle Erzählung einer Bäuerin, die in Jahrzehnten mühseliger Arbeit womöglich hunderttausende von Reiskörnern durch ihre Finger rinnen ließ. Was wohl ihre spannendsten Tage waren? Ich konnte sie leider nicht befragen, da sie kein Englisch sprach.

78 - Am selben Tag, als ich auf dem Rückweg zu meinem Hostel im Süden Balis war, lief diese alte Dame auf dem "Sicherheitsstreifen" eines "Highways" entlang. In Bali gibt es keine Sicherheitsstreifen und auch keine Highways, es handelte sich um eine sehr große, stark befahrene Straße. Sie lief ohne Oberteil seelenruhig dem Sonnenuntergang entgegen. Das musste ich auf einem Foto festhalten. Ich stoppte etwa 200 Meter vor ihr, zückte rasch meine Kamera und schoss ein paar Fotos. Als sie näher kam und ich ihr fehlendes Oberteil bemerkte, wusste ich nicht so recht, ob es angemessen war, sie nach einem Porträt zu fragen. Aber sie grüßte sogar in die Linse. Die ganze Zeit über balancierte sie auf ihrem Kopf eine Ladung Holz, als wäre sie festgewachsen. Als ich mich bedankte und davon fuhr, lief sie weiter in aller Ruhe, als würde der Lärm und das Rumpeln der Fahrzeuge wenige Meter neben ihr gar nicht existieren.

79 - Am Tag darauf, da ich nur 5 Tage in Bali hatte und Fotos von vielen Stränden machen wollte, war ich direkt wieder unterwegs. Und so kam ich an diesem jungen Mann vorbei. Er schaute skeptisch drein, sodass ich direkt ein Foto machte. Da er mir einen so bösen Blick zuwarf, verließ ich schnellstmöglich den Schauplatz. Sein kräftiger Griff um das Fläschchen, das bunte Baby-Shirt und seine stylishe Mütze jagten mir mafiös Angst ein. Ob er der Kopf einer Verbrecherbande voller kleiner Dreijähriger war, die Mädels an den Haaren ziehen und Lollies nur zur Hälfte lutschen? Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn ja in den nächsten Jahren in den Nachrichten. (Natürlich ist das alles nur Spaß)

80 - Immer noch in Bali und an dem mittlerweile 5. oder 6. Strand (Uluwatu Beach) traf ich auf diese Dame, die auf einem Stein am Strand saß und Armbänder verkaufte. Ich fragte um Erlaubnis für ein Foto und sie hatte nichts dagegen. Jedoch wollte sie danach, dass ich eines ihrer Armbänder kaufe. Mit schlechtem Gewissen (wegen des Fotos) nahm ich dann doch eins mit, für umgerechnet 2 Euro. Solche Armbandverkäufer gibt es in Bali und Lombok überall. Sehr oft sieht man diesen Job auch Kinder machen. Ob man diese durch einen Kauf eines Armbands wirklich unterstützen sollte, ist eine gute moralische Frage. Was würdest du tun? Sie durch den Kauf unterstützen (Geld für Essen) oder nicht kaufen und dadurch die Nachfrage senken?

81 - Mein Strandtag endete am Bingin Beach, der etwas versteckt liegt. Mein Motorroller musste oben geparkt werden und da kam dieser Mann ins Spiel. Ohne Englisch sprechen zu können, verlangt er von den Touristen, die an den Strand wollen, eine Parkgebühr. Diese betrug hier 5000IDR (etwa 0,30€), was ich persönlich teuer fand. Seine Brille, das blaue Mercedes-Shirt und das völlig zufällig gewählte Mützchen bewahrten einen friedlichen Eindruck, sodass ich ein Foto von ihm wollte. Für Bali typisch: Die dunkelbraune, ledrige Haut.

Wer mehr über die Strände lesen will, die ich besuchte und fotografierte, kann auf dem Blog nachschauen, für den ich diese schoss: www.nachbalireisen.de 

82 - Dieser kleine Superheld (oder Bösewicht im Superheldenkostüm?) lief mir in Pattaya über den Weg, als Elaine und ich auf den Minivan zum Flughafen warteten. Er gehörte zur Familie neben unserem Hostel, die ein chinesisches Restaurant betrieb. Er war ganz interessiert an mir, obwohl er kein Englisch sprach. Dafür konnte Elaine auf Chinesisch mit ihm reden. Als ich meine Kamera zückte, posierte er für mich. Oder war meine Kamera in seiner Fantasie eine Waffe und er bereitete sich auf einen Gegenangriff vor?

83 - Wenn es einen Jungen gibt, der mir ans Herz gewachsen ist, dann dieser kleine Rabauke. Er ist Elaines Neffe und während meiner Zeit in Malaysia habe ich ihn oft fotografiert. Wir hatten eine tolle Zeit. Er ganz besonders, da er immer mit mir spielen konnte. Auf Chinesisch spricht man alle älteren Männer (auch ältere Cousins) mit "gogo" an, was soviel wie Onkel bedeutet. Während all der Zeit haben wir zwei eine besondere Verbindung aufgebaut und ich vermisse sein Lachen sehr. Er ist ein sehr aktiver und cleverer Junge, der schon jetzt eine besondere Anziehung auf Mädchen hat.

Auf diesem Foto bin ich aus der Haustür heraus, um ein Foto von ihm zu machen. Da er dachte, ich würde ihn verlassen, fing er gleich zu weinen an. Als er merkte, dass ich bleibe, hat er direkt gelacht. So entstand dieses Porträt mit Tränen und einem Lächeln. Mittlerweile ist er 2 Jahre alt.

Seit ich Malaysia verlassen musste, sucht er mich die ganze Zeit und ruft "gogo" durchs Haus. Immer, wenn er Elaine sieht, wartet er darauf, dass auch ich auftauche. Ich hoffe, dass ich ihn bald wiedersehen und beim Aufwachsen zusehen kann.

84 - In Malaysia gab es viele Tage, an denen ich mit meiner neuen Kamera einfach durch die Straßen zog, um überraschende Motive zu entdecken und einzufangen. Als ich eines Abends nicht weit entfernt von meiner Unterkunft durch die Straßen eines Wohngebietes lief, wurde ich von einer Gruppe Männer angesprochen, die in einem Hinterhof saßen und sich gemütlich unterhielten. Sie fanden es hochinteressant, dass ich aus Deutschland war. Zwei der Herren spielten Schach, einer von ihnen der Porträtierte. Ich wurde auch auf eine Partie eingeladen, doch reflexartig lehnte ich ab. Ich wollte zwar gern den Sonnenuntergang fotografieren, doch sich einfach mal mit den Locals zu unterhalten, wäre mit Abstand unterhaltsamer gewesen. Ich fragte mich, wieso ich ablehnte. Sicher war, dass ich das nächste Mal bei so einem Angebot nicht ablehnen würde.

85 - Ich hätte niemals erwartet, dass dieses Porträt, dass ich auf Instagram veröffentlicht habe, das Foto mit den meisten Likes sein wird, die ich jemals bekommen habe. Es hat sich wie ein Lauffeuer in dem sozialen Netzwerk verbreitet und alle, die diesen Mann kennen, teilten es wieder mit ihren Freunden.

Denn dieser Herr ist der wohl beliebteste "Uncle" Kuala Lumpurs. Er ist Security Guard für die Kunst- und Designschule, auf der auch Elaine studiert. Seit vielen Jahren grüßt er JEDEN Schüler OHNE AUSNAHME jeden Tag mit einem Lächeln. Egal, ob Regen oder pralle Sonne, er wünscht allen einen schönen Tag und fragt nach dem Befinden. Er bleibt länger, falls Schüler noch Überstunden machen. Er bietet einen Schirm gegen die Sonne an oder hilft beim Einparken oder Parkplatz finden.

Als ich extra für dieses Porträt zu ihm ging, war der sage und schreibe 70 Jahre alte Uncle total bescheiden und traute sich gar nicht Ja zu sagen. Doch mit ein paar Schmeicheleien, die er ja sichtlich verdient hat, stimmte er zu. Ob er weiß, dass sein Porträt über 7000 Menschen gesehen und fast 900 Menschen geliket haben?

86 - Safarin. Gelächelt hat er nicht oft, aber sich um uns gesorgt. Er war es, der Stefan und mich auf dem Fluss zum Dschungel brachte und spät nachts darauf wartete, dass wir zurückkehren. Er war es, der uns am nächsten Tag den Elefanten zeigen wollte. Als er uns am Ende sicher absetzte, sah es fast so aus, als wolle er nicht mal Geld dafür. Wir bezahlten ihn natürlich trotzdem für seine Leistung und als wir uns verabschiedeten, hatten wir beide das Gefühl, wir hatten einen Freund dazugewonnen. Es ging ihm nicht um den Profit, denn uns ging es nicht um den typischen Touristenkram. Wir versprachen wiederzukommen und dann würden wir uns mit ihm tiefer in den Regenwald wagen und dann richtiges Wildlife erkunden.

Im Nachhinein denke ich mir: Es war wie vorherbestimmt, dass wir ihn trafen, als wir völlig unerwartet über den Fluss zurück ins Dorf kamen und eigentlich unser Mittagessen planten. Am Anfang skeptisch legte sich das Misstrauen doch bald. Dass er dann am ersten Abend tatsächlich noch auf uns wartete, überraschte mich sehr und zeigte, dass er ein Mann mit Herz ist.

87 - Bahks Mend Khan. Ein 51-jähriger Pakistaner, dem Stefan und ich in Penang über den Weg liefen. Nach dem Dschungelausflug wollten wir noch gemeinsam das kulturelle und historische Penang erkunden. Hier saß er im Schatten eines Baumes am Straßenrand und machte gerade Pause. Als ich ihn um ein Porträt fragte, ahnte ich nicht, was für eine Geschichte er mir direkt darauf erzählen würde.

In einfachstem Englisch versuchte er uns zu erklären, dass er vor 26 Jahren als Urlauber/Reisender nach Malaysia kam, das ja auch ein islamisches Land ist. Doch hier wäre er hinterrücks betrogen worden, und zwar von der Regierung. Ihm wurden Pass und sämtliche Dokumente entwendet und seitdem konnte er Malaysia nicht mehr verlassen, so seine Aussage. Seine Familie sei in Pakistan und er hätte keine Chance sie wiederzusehen. Immer wieder bat er uns, diese Geschichte den United Nations zu erzählen, damit er endlich wieder zurück nach Pakistan könne.

Was hältst du von dieser Geschichte? Ist er ein alter verwirrter Mann oder ist er wirklich das Opfer von "Menschenrechtsverletzungen"? Wenn du das liest und du hast einen Draht zur UN (warum auch immer), bitte geh dieser Story auf den Grund.

88 - Noch am selben Tag landeten wir in einem Wohngebiet, in dem malaysische Jungen und Mädchen (natürlich mit Kopftuch) gemeinsam Fußball spielten und mit Fahrrädern umherfuhren. Dieser Junge war einer von ihnen, die wir mit unseren schweren Objektiven wie kleine Fußballstars einfingen. Er - wie auch alle anderen Kinder - spielte Fußball mit Flip Flops. Nur waren seine bereits kaputt und so lief er halb barfuß über den Platz und stolperte über seine eigenen Schuhe.

Ich habe dieses Foto gewählt, weil es etwas für Malaysia sehr Typisches zeigt: Die Plastiktüte in seiner Hand. Wer genau hinschaut, erkennt den Strohhalm, was vermuten lässt, dass da etwas zu trinken in der Tüte sein könnte. Richtig! An den meisten Street Food Buden gibt es Getränke in einer Plastiktüte. Diese wird oben zusammengebunden und sehr oft irgendwo angehängt. So kann die Flüssigkeit nicht auslaufen.

Gerade in der heutigen Zeit ist die Nutzung von Plastiktüten ja sehr kritisch zu betrachten. Jedoch nicht in Malaysia, hier denkt fast niemand daran, wie viele Tonnen Plastikmüll pro Stunde im Meer landen. Und das, obwohl Malaysia mit fast seiner ganzen Fläche an Ozeane grenzt. Traurig, oder? Wer wird die Bevölkerung aufwecken und ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit sensibilisieren?

89 - Arifin. Ich traf diesen älteren Herr wieder einmal in nicht weiter Entfernung zu meinem Apartment, bei einem Abendspaziergang durch eine Wohngegend. Er stand vor seinem Haus und einem Container voller Müll und musterte mich neugierig. Als ich näherkam, sprach er mich direkt an und fragte, woher ich komme. Er war so freundlich, offen und interessiert, dass ich stehenblieb und mit ihm ins Gespräch kam. Er lud mich sogar auf ein Getränk ein, einfach, weil er gern mit mir quatschen wollte. Dann konnte ich ihm gar nicht glauben, als er mir weismachen wollte, dass er 83 Jahre alt ist. Ich hatte ihn auf 60 geschätzt (und du?). Ursprünglich stammt er aus einem kleinen Dorf an der Ostküste Malaysias (Pahang). Doch mit 18 Jahren zog er mit seinem Bruder nach Kuala Lumpur. Eltern hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Ich fand die Vorstellung so eindrucksvoll, dass er zu einer Zeit in Kuala Lumpur lebte, als diese Metropole noch ein Schlammloch war (denn Kuala Lumpur bedeutet übersetzt "schlammige Flussmündung). Er sah die Hochhäuser in den Himmel wachsen und wie die Stadt sich in alle Himmelsrichtungen ausbreitete. Da, wo er jetzt immer noch wohnte, war vor all den Jahren noch Dschungel gewesen. In all der Zeit hatte er eine Frau kennengelernt, 9 Kinder bekommen (davon 7 Jungen) und das besagte Haus gekauft - für 47.000RM (umgerechnet etwa 10.000€). Mittlerweile ist die Wohngegend eine sehr begehrte und er bekommt immer wieder Angebote, sein Haus für das 4-fache zu verkaufen. Doch stattdessen lässt er es renovieren. Verständlich - wenn man bedenkt, wie viele Erinnerungen damit zusammenhängen.

90 - Ein Porträt, zu dem es weniger zu sagen gibt. Ich fand den Herren einfach putzig und fragte spontan nach einem Foto. Ich traf ihn etwa 2 Minuten, bevor ich Arifin entdeckte. Ein bisschen hat er etwas von einem malaysischen Albert Einstein. Liegt vielleicht an der Frisur.

91 - Auch dieses Porträt ist mit wenigen Worten beschrieben. Es war ein spontaner Schuss, der diesen Mann entspannt auf dem Bordstein sitzend einfangen sollte. Auch hier sieht man die Trinktüte. Ich mag seinen Stil und die Spiegelung in seiner Sonnenbrille.

Man glaubt fast kaum, dass er nicht für mich so posierte, sondern wirklich einfach den Tag genoss.

92 - Es gab einen Tag, an dem durfte ich mit einem Bekannten Elaines, der selbst ein talentierter Fotograf ist, in ein Flüchtlingsheim in Kuala Lumpur. Ja, so etwas gibt es auch in Asien. Und es fühlte sich auch erstaunlich ähnlich an, sehr vergleichbar mit Deutschland. In einer einfachen Halle wurden Ecken und Nischen eingerichtet, in der verschiedene Klassen unterrichtet werden konnten. Basketballplatz, ein großer Fußballplatz und ein winziger Spielplatz waren auch vorhanden. Die Kinder waren fröhlich und man konnte ihnen ansehen, dass sie sich an diesem Ort sicher fühlten.

Wie ich es auch aus deutschen Schulen kannte, waren die Jungen Rabauken und die Mädchen sehr interessiert am Lernen. Da konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Leider weiß ich die Namen nicht mehr, aber es kommt ja vielmehr auf den Ausdruck im Gesicht an, oder nicht? Jedenfalls waren insbesondere die Jungen sehr neugierig, wer da mit so einer großen Kamera Fotos von ihnen machte.

93 - Ich war auf so ein Porträt nicht gefasst, als ich den Bauarbeiter an den Pfeiler angelehnt sitzen sah. Nur eine Sekunde stehengeblieben, fokussiert, abgedrückt und weitergelaufen. Erst später schaute ich nach, ob das Foto etwas geworden war - wie so oft. Und wie so oft war ich dann total überrascht, was da entstanden war. Auch, wenn ich ihn nicht gefragt hatte und auch nichts über ihn wusste, so war mir klar, dass sein Gesichtsausdruck Bände spricht. Sehr wahrscheinlich ist er aus Bangladesch oder Indien und verdient mit diesem unterbezahlten Job immer noch mehr, als in seiner Heimat. In der Hand sein Smartphone, das in Malaysia einfach allgegenwärtig ist. Seine Augen schauen mir direkt und kraftvoll entgegen. Es fühlte sich an, als würde er mich strafen wollen für diese Dreistigkeit und sich gleichzeitig wundern, weshalb jemand ein Foto von ihm machen würde. Ich finde, je länger man ihm ins Gesicht schaut, desto mehr Geschichten tauchen auf. Was sagst du?

94 - Endlich in Vietnam angekommen. Wenigstens konnte ich eine Stadt dieses Landes in Südostasien erkunden. 5 Tage hatte ich mir Zeit genommen. Nicht genug, um wie immer mit den Locals in Kontakt zu kommen und das Land in seiner Ursprünglichkeit und Echtheit zu erleben, aber genug Zeit, um den Charme seiner Einwohner einzufangen. In und um Ho-Chi-Minh-City erkundete ich alte Kriegstunnel, schoss mit einem echten Gewehr, fuhr mit einem Boot ins Mekongdelta und lief durch die stinkenden Straßen dieser charakterstarken Stadt.

Dieser buddhistische Mönch sieht keinesfalls glücklich aus, wie es ja der Buddhismus anstrebt. Womöglich lag das aber auch an den Massen von Touristen, die im Minutentakt aus den Bussen schwappten und das Kloster mit oberflächlichem Kameraklicken und Videoaufnahmen überschwemmten. Als ich mit meiner Gruppe am Morgen ankam, fand gerade eine Zeremonie statt. Doch mir fehlte der echte Flair eines buddhistischen Klosters, in dem es zwischen all dem alten Gestein geräuschlos einhergeht und Achtsamkeit noch authentisch praktiziert wird. Aber, was der Buddhismus auch lehrt, ist die Vergänglichkeit. Alles ist im Wandel. So auch dies.

95 - Im Eiltempo ging es an diesem Tag von Station zu Station. Überhaupt nicht meins. Ständig war ich der Letzte, da ich Fotos machte. Als wir über eine kleine Insel im Mekongdelta huschten, entdeckte ich im Schatten der Palmen diesen Mann. Er saß dort, als würde er die vorbeieilenden Touristen gar nicht bemerken. Und während er etwas aus getrockneten Palmenblättern flechtete, konnte ich heranzoomen und ein paar Fotos von seinem Handwerk machen. Dann bemerkte er mich doch und grüßte mit einem Lächeln. 

Das ist genau das, was ich meine. Während die Besucher von einer Farm zur anderen rennen, weil das so auf dem Programm steht, sind sie blind für die Menschen, die hier wirklich noch leben. Ich hätte zu gern gesehen, was er aus diesen Blättern herstellte, doch ein unsichtbares Gummiband zog mich weiter, zur nächsten Station.

Übrigens erinnert er mich ein bisschen an den Schauspieler Tommy Lee Jones.

96 - Tu. Diese sehr sympathische vietnamesische Dame traf ich im Mekong Delta, als unsere Touristengruppe die letzte Station abklapperte: Von Einheimischen im schmalen Holzboot einen Flussarm entlang gepaddelt werden. Durch einen Teilnehmer, der Vietnamesisch und Englisch sprach, konnte ich ihr meine Fragen stellen und fand heraus, dass sie 66 Jahre alt ist. Unglaublich, wenn ich mir vorstelle, dass meine Oma diese Arbeit jeden Tag machen würde. Sie paddelt mittlerweile seit 10 Jahren, da es keine andere Möglichkeit zum Geldverdienen gibt.

Und so wirklich Geld kann man das auch nicht nennen. 15.000 Dong erhält sie pro Fahrt, was gerade mal 0,60€ entspricht. Sie bekommt mit viel Glück aber nur 3 Fahrten pro Tag. Für vietnamesische Verhältnisse ist das noch ok, aber um damit allein eine Familie zu ernähren, ist es allemal zu wenig.

Als ich sie fragte, ob sie die Touristen mag, lachte sie herzhaft laut, drehte sich zu mir und lächelte mich an: "Natürlich mag ich die Touristen. Ohne sie hätte ich gar keinen Job." Ich bedankte mich beim Aussteigen mehrmals bei ihr und weil ich froh war, so eine liebe Seele getroffen zu haben, gab ihr 20.000 Dong extra. Ich hätte lieber 100.000 Dong geben sollen, dachte ich im Nachhinein. Die gerade mal 4 Euro wären für mich nur Kleingeld gewesen, für sie aber 2 volle Tage Arbeit.

Auf meiner Reise habe ich diese krassen Unterschiede sehr oft zu spüren bekommen und immer etwas abgegeben, wenn ich konnte.

97 - Der Kohlemann. Zurück in Ho-Chi-Minh-Stadt lief ich jeden Tag durch die Straßen, um würdige Motive zu fotografieren. Und dieser Herr hier schien mir würdig. Er lud gerade Kohle vom Wagen und benutzte dafür keine Handschuhe. Seine Hände und Arme waren total rußig. Dass er dann auch noch so lieb lächelte, hat mich sehr gefreut. Normalerweise haben die Vietnamesen immer etwas skeptisch geschaut, wenn ich meine Kamera auf sie gerichtet habe.

98 - Kurz zuvor lief ich eine Straße entlang, in der die Leute ihre Lebensmittel verkauft haben. Bei dieser Frau blieb ich stehen und dachte mir, so ein makaberes Porträt wäre doch auch mal besonders. Sie nickte kurz, als ich nach der Erlaubnis fragte und blieb sitzen. In meinen Augen ein perfektes Porträt, denn wer mit abgeschlagenen Schweinshaxen an der Straßenecke sitzt und auf Kunden wartet, der muss so 

99 - Ich habe es wirklich geschafft! Ich habe ein Foto mit einer Giraffenfrau machen können. Wie krass ist das denn?! Eigentlich gar nicht so krass. Vielmehr schockierend, komisch, unecht. Hier ist die Wahrheit:

Als ich eine Woche zur Vipassana Meditation nach Chiang Mai flog, nahm ich mir auch einen Vormittag Zeit, um dieses Volk - die Long Necks (lange Hälse) - zu besuchen, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Die Einwohner wohnen zusammen mit anderen "Stämmen" in einem Dorf, in das die Touristen kommen können, um sich das Handwerk, die Kunst und natürlich die Frauen anzuschauen. Denn mit fortschreitender Ausbreitung der modernen Gesellschaft, haben diese Stämme immer größere Schwierigkeiten ihre Kultur zu bewahren und werden an diesem Ort "geschützt" und unterstützt.

Der Eintritt betrug bereits stattliche 15€ und war mir persönlich viel zu teuer. Denn dieses Dorf konnte selbst von sehr interessierten Besuchern in weniger als einer Stunde vollständig angeschaut werden. Es gibt nicht viel zu sehen. Und von jedem Stamm gibt es vielleicht 10 bis 20 Einwohner, die herumsitzen und sich langweilen, wenn keine Besucher da sind. Ansonsten sitzen sie an Webstuhl-ähnlichen Geräten und stellen Taschen, Schals und Gewänder in bunten, leuchtenden Farben her. Neben jedem Einwohner befindet sich ein Stand mit Souvenirs wie Metall-Armbändern, Figuren und anderem Kram, bei dem ich mir nicht mal sicher war, ob der wirklich von den Einwohnern hergestellt wurde. Es ging also hauptsächlich um die Kaufkraft der Touristen.

Der andere große Punkt, der mir deutlich aufgezeigt wurde, war das "Zurschaustellen" der Einwohner. Oder wie würdet ihr es bezeichnen, wenn ihr einzig und allein ein Fotoobjekt seid und als Belustigung dient? Sicherlich nicht "Bewahrung des kulturellen Hintergrundes" (siehe mein extra Foto nach dem Text).

Unbestreitbar ist die Tatsache, dass diese Ringe etwas ganz Besonderes sind und die Tracht mit Kopfbedeckung und Schmuck wirklich sehr hübsch anzusehen ist.och welchen Preis diese Menschen für die Wahrung ihrer Identität zahlen, ist offensichtlich. Klar unterliegt alles einer stetigen Veränderung, doch für diese Stämme wünschte ich mir ein anderes Schicksal.

Als besonderes Fotomotiv kann man sich die Ringe vor seinen eigenen Hals halten. Die teure Handtasche auf dem Schoß als Beweis für das Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener Welten.
Als besonderes Fotomotiv kann man sich die Ringe vor seinen eigenen Hals halten. Die teure Handtasche auf dem Schoß als Beweis für das Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener Welten.

100 - Marai. Mit 18 Jahren hat sie bereits etwa 18 Ringe um ihren Hals. Diese Spirale erhalten die Mädchen bereits im frühen Alter und alle 5 Jahre wird sie mit einer längeren ausgetauscht. Grund dafür: Der schwere Metallschmuck drückt mit seinem Gewicht die Schultern nach unten. Im Grunde wird der Hals dieser Frauen gar nicht länger. Über viele Jahre und das stetige Gewicht auf den Schultern, werden diese deformiert und Richtung Brustkorb gedrückt. So entsteht nicht nur ein langer Hals, sondern auch ein zusammengedrückter Oberkörper. Und das alles nur, weil diese Ringe für dieses Volk Schönheit bedeuten. Mittlerweile wollen viele junge Mädchen nicht mehr nur im Stamm leben, sondern Teil der Außenwelt sein und ein normales Leben führen. Für Marai ist dieses Leben aber genug. Ohne Eltern hat sie nur noch ihren Bruder. Sie bleibt lieber im Dorf und fertig Tücher an.

Ich wählte dieses Foto als mein 100. Foto, weil es in jeder Hinsicht besonders ist: Ich sehe die Schönheit wohl nicht so wie ihr Stamm, in den Ringen um ihren Hals, dafür aber sehr deutlich in ihrem Gesicht. Ihre braun funkelnden Augen, das weiche Braun ihrer Haut,  umrandet von knalligen Farben ihrer Tracht und dem goldenen Glänzen auf der Nase und um ihren Hals - und all das in einer sanften Symmetrie. 

Wie hinter jedem meiner Porträts steckt eine kurze Geschichte hinter diesem Gesicht und dass ich endlich mein großes Fotoprojekt abschließe, lässt mein Herz mit Freude und Stolz erstrahlen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich Menschen auf diese Weise kennenlernen werde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich 100 Menschen so porträtieren kann, dass Menschen in Deutschland einen Einblick in das Leben in fremden Ländern erhalten können. Niemals hätte ich mir erträumen können, dass ich dieses Projekt so qualitativ hochwertig abschließe, es überhaupt abschließe. Danke für Euer großes Interesse und all die Rückmeldungen, die mir zeigen, dass diese Fotos euer Herz berühren.

Danke!

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Kommentare: 1
  • #1

    Jana (Montag, 10 Juni 2019 19:45)

    Hallo Martin,
    wunderbar!!!! Herzlichen Glückwunsch . So viele tolle Fotos, interessante Menschen und Geschichten. 100 solcher Porträts... Du hast mit Freude und Liebe die Menschen porträtiert. Das sieht man. Ganz liebe Grüße aus CB. Wir freuen uns schon sehr auf dich.
    Bis bald,
    Mama