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2 Wochen nicht ich

Wow, ich komme sehr hungrig zurück nach Kuala Lumpur und finde direkt eine kleine Nische, in der ich essen kann. Nur, dass irgendetwas komisch ist, als der volle Teller vor mir steht. Ach ja! Ich sollte wohl besser Besteck benutzen. Das habe ich ganze zwei Wochen nicht in die Hand genommen.

Ich war nämlich in Kongkoi, einem Gebiet südöstlich von Kuala Lumpur, um dort als Freiwilliger zu helfen, im Austausch für Essen und Unterkunft. Ich wollte neue Dinge lernen, anderen Menschen helfen und etwas mehr über das Land und die Leute wissen und aber auch mal eine Zeit lang ohne große Ausgaben leben. Ich fand diese Familie über meine Worldpackers App, als ich noch in Indonesien war. Sie betreiben einen Campingplatz, der auch über Bungalows verfügt, für diejenigen, die etwas mehr Komfort beim Campen haben wollen. Deshalb nennt sich dieser Ort auch Glamping @ Kongkoi – Glamorous Camping. Das Grundstück war absolut riesig, mit kleinem Teich, Fluss, ein paar Hügeln, Bananenbäumen, Bäumen mit Blättern, so groß wie Regenschirme und mit den besagten Bungalows. Diese haben, wie auch das Haus, in dem ich untergebracht war, keine Fenster. Es ist einfach Gage zwischen den Holzbalken befestigt, sodass ein Gefühl der Offenheit entsteht, man dabei aber nicht von tausenden Moskitos zerstochen wird. Außerdem waren noch eine Küche mit Essbereich und ein großes Holzlager auf dem Gelände.

 

Nun klingt das alles sehr paradiesisch für jemanden, der mal in Ruhe in der Natur sein möchte. Ich wollte eigentlich auch angeln oder einfach mal am Feuer sitzen. Es kam aber alles total anders, und vor allem total komisch. Was ich nun schildere, ist meine Ansicht auf diese zwei Wochen und ich versuche euch, meinen Gefühlszustand so genau wie möglich zu beschreiben. Bitte bedenkt, dass es auch eine andere Version für diese zwei Wochen gibt, die ich nicht kenne. Die der Familie.

In diesem tollen Holzhaus durfte ich ganz alleine wohnen
In diesem tollen Holzhaus durfte ich ganz alleine wohnen

Als ich mit dem Bus in Kuala Klawang ankam, sollte ich von den zwei Töchtern abgeholt werden. Sie kamen in einem dicken Land Rover. Die Fahrt zum Glamping allein war schon merkwürdig, denn ich verhielt mich ungewöhnlich ruhig. Ich meine, ich rede auch so nicht viel unnützes Zeug oder den lieben langen Tag über Alltagsprobleme oder halt Kram. Ich schweige lieber und rede dann, wenn es wirklich angebracht ist. Nun ja, so richtig sollte kein Gespräch entstehen. Ich bemerkte sofort, und das sollte sich auch in der restlichen Zeit nicht ändern, dass die kleine Schwester (17 Jahre alt) schnell genervt oder aufgebracht war. Sie wurde lauter und schmiss auch mal die Autotür etwas härter zu. Ihr wisst, was ich meine. So etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Mir ist direkt im Gegensatz dazu das buddhistisch geprägte Thailand eingefallen, in dem es moralisch verwerflich ist lauter zu werden. Ich vermisste es direkt etwas. Ihre Art, Schwingung, Energie – wie auch immer ihr es nennen wollt – gab mir ein Gefühl des Unbehagens und der Unberechenbarkeit.

 

Als wir ankamen, gab es nicht so recht eine Einweisung in Dinge, die ich tun oder nicht tun sollte. Ich wurde nicht auf dem Gelände herumgeführt. Ich wurde aber wenigstens darauf hingewiesen, dass es neben den 4 Taghunden, auch noch 4 Nachthunde gab, denen ich nachts lieber nicht über den Weg laufen wollte. Meine erste Aufgabe war an dem Tag übrigens noch das Geschirr zu spülen. Aufgemerkt: Warum habe ich nicht selbst nach all den Angaben gefragt, die wichtig waren? Das ist so: Ich wollte ja nach meinen Stunden und Aufgaben fragen, sowas wie „Wann genau sind die Arbeitszeiten? Welche Aufgaben habe ich dann? Wann gibt es Mittag und Abendbrot? Wann sind meine freien Tage?“ Gefragt habe ich dann tatsächlich aber etwas wie „In der App stand 5 Stunden am Tag, oder?“

Und sie antworteten 1. total undeutlich, sodass ich IMMER 2 bis 3 mal nachfragen musste (was auch ein super unangenehme Situation ist) und 2. haben mich ihre Antworten total verwirrt und aus dem Konzept gebracht, sodass ich keine Ahnung hatte, wie ich darauf noch weiter eingehen soll. Auf meine Frage kam dann etwas wie „Unsere Eltern sind Arbeitstiere. Es gibt viel zu tun.“ Häh?! Es lag übrigens nicht am Englisch, dass ich mich so dumm anstellte. Ich denke eher, dass es ein sehr viel tiefer liegendes Grundproblem für unsere Verständigung gab: Wir waren zu verschieden. Deshalb kam auch schon auf der Hinfahrt kein ordentliches Gespräch zustande.

Was ich also die erste Woche lang tat, war 8 bis 10 Stunden am Tag zu arbeiten, körperlich hart zu arbeiten. Den ganzen Tag Laub zusammenharken, mit der Schubkarre abtransportieren und auf einem Haufen verbrennen. Holz hacken und mit Kettensäge alte Baumstümpfe fällen. Den Rasenmäher über hunderte von Quadratmetern zu schieben. Und dazu kamen über 30 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von gefühlten 98%. Denn es dauerte etwa 5 Minuten, bis sich meine Shirts vom Schweiß dunkler färbten und die Tropfen an meinen Armen, Beinen herab und durch meine Poritze liefen. Aber ich tat, was ich sollte. In meinem Kopf liefen so viele Gedanken im Kreis, die am Ende alle Gedanken blieben und nicht in die Tat umgesetzt wurden. Ich fühlte mich zudem unfair behandelt, wenn ich sah, dass ich fast ohne Pausen arbeitete. Vor allem, wenn dann Kommentare kamen wie „Bist sowas wohl nicht gewohnt!“

 

All das und mehr ist auch der Grund für meinen Titel. Denn nach jedem weiteren Tag, an dem ich nicht sagen konnte, was ich dachte und an dem ich tat, was ich eigentlich nicht tun wollte, fühlte ich mich kleiner und kleiner. Mir kam ein sehr wichtiges Thema wieder in den Sinn, mit dem ich mich in Thailand beschäftigt hatte, als ich bewegungsunfähig auf meinem Stuhl sitzen musste. Selbstbewusstsein. Mir wurde klar, dass wir nur dann wirklich selbst-bewusst sein können, wenn wir tun, was wir für richtig halten und wenn wir sagen, was wir denken. Wenn ich mich verstelle für andere, bin ich nicht ich selbst und habe dementsprechend auch nicht das Bewusstsein für mich selbst. Ich bin nur ein Schauspieler, ein Unterdrückter, kleiner Mann, der mit sich machen lässt, was andere wollen. Je weniger wir uns verhalten, wie wir eigentlich sind, desto weniger selbstbewusst sind wir. Doch selbst als mir das klar wurde, konnte ich es nicht ändern. Ich war schon ganz ohne Selbstbewusstsein.

Das Küchengebäude und davor der Essbereich
Das Küchengebäude und davor der Essbereich
Die halboffenen Bungalows
Die halboffenen Bungalows

Es gab einen Tag, an dem spürte ich Gefühle, die ich schon lange nicht mehr in mir hatte – Aggressionen. Mir war aber ohne Zweifel klar, dass das genau davon kam, nicht ich selbst zu sein. All die Reise lang war ich immer wirklich ich gewesen und nun gab es zwei Wochen, in denen ich daran erinnert wurde, wie ich mich auch damals in Deutschland hab manipulieren lassen. Wie einfach ich dort hineinrutschen konnte und wie wehrlos ich mich fühlte.

Ich fragte mich, welche Herausforderung mir das Leben damit stellte. Ob ich den Mut aufbringen sollte, endlich etwas zu sagen, um die Situation zu verändern? Oder ob ich die Situation verändern sollte? Ich hätte auch einfach eher gehen können. Vielleicht sollte ich es einfach ertragen, um an alte Zeiten erinnert zu werden?

Letztlich bin ich geblieben und habe die zweite Woche, auch ohne es direkt anzusprechen, weniger gearbeitet. Am Ende der Zeit hatte ich dann anstatt 4 freien Tagen nur 1,5 bekommen. Ich saß einmal für eine halbe Stunde am Feuer und ein paar Male für ein paar Minuten am Fluss. Der Großteil der Zeit war gefüllt mit dem Krach all der Arbeitsmaschinen, die alle nutzten. In den Momenten, in denen alles ruhig war, hörte ich den Gecko in meinem Haus, das wilde Zwitschern tropischer Vögel, das Plätschern des Flusses, das Summen und Brummen von Käfern, Libellen, Bienen und Mücken. Roch die Feuchtigkeit, die mit den Sonnenstrahlen aufstieg oder den Qualm des verbrennenden, feuchten Laubs.

Ich konnte an meinem freien Tag ein wenig mit Holz arbeiten, habe eine Skulptur angefertigt und eine Art Schlüsselanhänger als Erinnerung. Ich habe an 3 Tagen einen Unterstand für Feuerholz gebaut, damit es auch mal Holz zum Verbrennen gibt, das nicht vom Regen durchnässt ist. Ein richtiges Dankeschön habe ich dafür nicht bekommen. Dafür aber das Glücksgefühl von mir selbst, als endlich alles fertig war. Allgemein hat mir die Dankbarkeit gefehlt, für die kleinen Dinge, aber auch für die Tätigkeiten, für die ich eigentlich nicht zuständig war, die ich aber machte, zum Beispiel am Morgen eine Stunde Geschirr spülen oder am letzten Tag das ganze Haus säubern. Mir wurde damit aber klar, wie viele Menschen ich bereits um mich habe, die jeden Tag Dankbarkeit praktizieren. Und dafür bin ich dankbar. Denn Dankbarkeit ist eines der einfachsten, aber wirkungsvollsten Gefühle.

Nun ist die Zeit vorbei und ich muss noch einiges verarbeiten, möchte etwas reflektieren, was da eigentlich in mir vorging. Aber bewusst wurde mir schon, dass ich nun wirklich wieder belastbar bin. Auch bei solchem Wetter. Mein Fuß hat keine Probleme gemacht. Außerdem habe ich nun einen Schrittzähler auf meinem Telefon, den ich für einen Reisenden echt eine gute Empfehlung nennen würde.

Abschließend möchte ich noch auf eine weitere, wichtige Erkenntnis eingehen. Ich habe bereits die lauten Maschinen erwähnt, mit denen wir jeden Tag den Rasen getrimmt oder Baumstämme zertrennt haben. Ich hatte immer den Vorher-Nachher-Vergleich und zuerst fand ich es schöner, nachdem alles getrimmt war. Es sah ordentlich aus und sauber. Doch halt, ist das nicht ein gewaltiger Unterschied? Schön und ordentlich? Wir sind nämlich selbst von Grund auf auf Sauberkeit getrimmt wie das Gras. Natürlich nicht alle, das ist klar, aber generell denke ich, dass viele bei einem frisch gemähten Rasen das Gefühl von Schönheit verspüren. Als ich genauer in mich hörte, spürte ich, dass Sauberkeit und Schönheit zwei völlig verschiedene Dinge sind. Mich hat es nämlich nicht glücklich gemacht, all den Rasen, all die Bäume, all die verrottenden Blätter zu entfernen, damit es ordentlicher aussieht. Ich sah viel mehr all den Lebensraum, den ich zerstörte. Ameisen, Käfer, Raupen. So viele Tiere wohnen in diesem Chaos, das der Mensch ordentlich machen möchte. Aber ist es nicht viel schöner, die pure Natürlichkeit zu erleben? Vor allem, wenn man Campen geht? Tiere beobachten, die man nie zuvor gesehen hat? Ich habe mich also, je länger ich dort war, immer unwohler gefühlt, weil es mir leidtat, ein Zuhause eines Tieres zu zerstören. Dazu kam die Ansicht, dass diese Familie jede Woche mit denselben Aufgaben verbringt und jeder Tag dahingeht wie nichts. Es bleibt gar keine Zeit mal wirklich das Grundstück und die Natur zu genießen, da sie ja getrimmt werden muss. Nach dem Arbeiten wird es dunkel, man isst und zieht sich ins Haus zurück.

Wenn man also der Natur etwas mehr Raum lassen würde, könnte man auch sich selbst mehr Raum für Genuss geben. Die Natur, die bereits da ist, genießen. Aber aus einem festgefahrenen Alltag auszubrechen, ist ja bekannterweise nicht einfach.

 

Nun ja, ich nehme auf jeden Fall etwas mit nach diesen zwei Wochen. Fühlte mich erinnert an alte Zeiten, hatte neue Erkenntnisse und finde immer mehr das, was ich wirklich will. Es werden sicher noch einige Prozesse in den nächsten Tagen ablaufen, da bin ich mir sicher. Ihr dürft gerne in den Kommentaren eure Meinung zu den angesprochenen Problemen, Themen, Ansichten und Erkenntnissen alles loswerden, was euch in den Fingern brennt. Ich bin sehr gespannt!

 

Nun erkunde ich erstmal das viel zu europäische Kuala Lumpur und fliege dann bestimmt nach Borneo, um zu tauchen und den Dschungel zu erkunden.

 

Euer Martin

Am Fluss kann man auch in einer Hängematte entspannen.
Am Fluss kann man auch in einer Hängematte entspannen.
Das Gelände ist super grün und abgelegen - perfekt zum Campen auf jeden Fall!
Das Gelände ist super grün und abgelegen - perfekt zum Campen auf jeden Fall!

Zusatz:

 

 

Beim Laub harken ist mir eine witzige Metapher eingefallen. Wenn man versucht, nur ein paar Blätter zu harken, ist es schwieriger, als würde sich das Laub widerspenstig zwischen den Grashalmen festhalten. Sobald der Haufen aber größer wird, lässt er sich total gut harken, lenken und er bleibt auch erstaunlicherweise mit sehr wenig Aufwand zusammen, egal, wie stark man harkt. Funktionieren so nicht auch die Politik und die Religion? Je mehr Menschen gelenkt werden, desto einfacher ist es. Oder nicht?


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Kommentare: 1
  • #1

    Luise (Freitag, 10 August 2018 19:18)

    Hallo Martin :), schön mal wieder etwas regelmäßiger von dir zu hören!
    Ohje.. Respekt, dass du es trotzdem durchgezogen hast! Viel Spaß bei deiner weiteren Reise :)
    Liebe Grüße Luise