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Australien

Ein großer Seufzer leutet diesen Artikel ein. Ich seufze, seit ich hier angekommen bin. In Sydney. Ich weiß nicht, ob es wirklich nur an dem Offensichtlichen liegt oder ob es noch mehr gibt, dass es mir schwer macht, diese Stadt zu mögen. Zuerst war es bitterkalt - ungefähr 17 Grad in der Nacht. Nach 8 Monaten Sommer und super selten Regen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mich direkt erkälte. Seit heute regnet es dauerhaft. Unschön!

Dann haben mich die Preise förmlich erschlagen! Mir ist die Kinnlade bis auf den Boden geklappt. Ich konnte es nicht fassen und mein Gehirn will einfach nicht verstehen, wieso es für Fast Food mehr bezahlen soll als in anderen Teilen der Welt, wo ich denselben Mist zu essen bekomme. Warum soll ich für eine 1,5 Liter Flasche Wasser 5$ bezahlen? Warum kostet ein Gericht 20$ bis 40$? Wie kann ein Schokoriegel 3$ kosten?

 

Ich bin nur hier, weil ich die Zeichen so gelesen habe. Zeichen, die mir Australien schmackhaft gemacht haben, als Möglichkeit an Geld für mehr Reisen zu kommen. Aber das einzige, das ich seit 4 Tagen erfahre ist, wie viel ich von dem Geld, das mir noch übrig ist, die ganze Zeit ausgebe. Beispiel: Ich habe für einen blöden Plastik-Adapter 25$ bezahlt, damit ich mein Handy und meinen Laptop laden kann. Eine Ein-Weg-Fahrt mit dem Zug durch die Stadt kostet 4,40$, egal, ob man eine oder fünf Stationen fährt. Ich glaube, selbst Deutsche, die sich schon über teure Preise in Deutschland aufregen, finden diese Preise unvorstellbar hoch. Die Umrechung ist zwar 1€ zu 0,65AU$, doch wenn ich vor einem Restaurant stehe, dass mir ein Gericht für 25$ verkaufen will, sind das immer noch 16€. Und dabei rede ich nicht von einem 3-Gänge-Menü oder einem 5-Sterne-Restaurant. Das sind hier die Standardpreise für ganz normales Essen. Am zweiten Tag habe ich dann auch gleich verstanden, dass selber kochen billiger ist.

 

Ich habe jedenfalls direkt am ersten Tag angefangen, alle nötigen Dinge zu klären und mich schon mal bei einigen Restaurants vorgestellt. Da wäre zum einen die Steuernummer, die ich in maximal 28 Tagen zugeschickt bekomme. Dann habe ich einen Termin für eine Bankkonto-Eröffnung bekommen, habe einen Termin für das Gesundheitszertifikat gebucht, damit ich als Kellner arbeiten darf. Bürokratie wird also nicht nur in Deutschland ganz groß geschrieben. Hier muss man erstmal tausende Zettel ausfüllen, bevor man irgendetwas machen darf. Da wünsche ich mir doch gleich diese Leichtigkeit von Indonesien zurück. Ich bin durch die Stadt gelaufen zu den Orten, die mir für Kellnerjobs empfohlen wurden. Ich bin gelaufen, damit ich das Geld für den Zug sparen kann. Am ersten Tag lief ich 17 Kilometer, am zweiten Tag 19 Kilometer. Dass es dabei auch eine gute Sache gab, hat es mir etwas leichter gemacht. Die gute Sache stelle ich euch ganz zum Schluss vor.

 

 

Ich bin nur hier um Geld zu machen. Und das mit Jobs wie Früchte ernten, Kellnern oder Bauarbeiten. Doch mein größtes Problem ist, dass ich in diesen Dingen keine Vorerfahrungen habe. Ich könnte lügen und in meine Bewerbung einfach reinschreiben, dass ich natürlich schon hier und dort Erfahrungen gesammelt habe, aber am Ende kommt das sicher raus und ich kann mich nach etwas Neuem umschauen. Am liebsten wäre mir noch Früchte ernten, doch als ich anrief, wurde mir gesagt, ich solle nochmal in ein paar Wochen nachfragen, gerade wäre noch kein Bedarf. Ich werde also leider nicht in der nächsten Zeit gen Norden reisen, um dann einen Erntejob anzunehmen. Stattdessen verbreitet sich in meinem Kopf die Angst vor all den Ausgaben, die ich habe, wenn ich so wochenlang ohne Job warten muss.

Wehmut und Erinnerungen

 Ehrlich gesagt denke ich die ganze Zeit an Malaysia zurück und wie schön es da war. Ich sehe nun all die hastigen Menschen umherwimmeln. Essen im Stehen, Anrempeln, massig Obdachlose, Gesichter in Smartphones getaucht. Die hohen Preise für Essen lassen meinen Magen zusammenkrampfen anstatt sich aufs Essen zu freuen. Jeden Tag suche ich nach neuen Möglichkeiten, nach anderen Jobs, nach anderen Ecken in der Stadt. So vieles vergleiche ich mit Kuala Lumpur. Und so merke ich schnell, dass Kuala Lumpur und Malaysia viel mehr das sind, was mich glücklich macht. Mir ist so klar geworden, wie sehr ich das Essen dort geliebt habe. Es war fast wie ein Hobby. Und darüber hinaus jedes Mal die Freude, dass es so billig ist. Und gesund obendrein. Ich bin keine Woche hier und ich merke, wie mein Magen nicht mehr im Gleichgewicht ist, weil das, was ich esse, hauptsächlich Weizenmehl und Zucker enthält (weil es billiger ist?).

Ein deutlicher Unterschied ist auch die Lautstärke der Menschen. Das ist mir in Kuala Lumpur nicht so aufgefallen, doch im Vergleich zu Sydney waren die Menschen sehr ruhig. Hier, in Sydney, brüllen und schreien manche, als wäre es das Ende der Welt und jeder müsste erfahren, was gerade Sache ist. Meine Ohren sind das gar nicht mehr gewohnt und senden mir die Nachricht: "Das ist echt unangenehm."

Die gute Sache

Das einzig Gute, das ich bisher hier erlebt habe, sind die Fotos, die ich gemacht habe. Na gut, es gibt noch Bar. Bar ist ein junger Mann, ursprünglich aus Israel, der jetzt durch Australien reist. Er hat sich einen Van gekauft und ist am zweiten Tag damit verschwunden. Er hat mir sehr viel Tipps gegeben, wofür ich ihm unendlich dankbar war. Schade, dass er weg ist. Er war wirklich cool drauf!

 

Zurück zu den Fotos. Ich habe direkt am ersten Tag viele tolle Gebäude entdeckt, das Sydney Opera House zum Beispiel. Aber ich konnte auch von Menschen tolle Fotos machen. Mich hat etwas das Schwarz/Weiß-Fieber gepackt, sodass fast alle Exemplare in Schwarz und Weiß sind. Darüber hinaus mache ich kaum noch doppelte Fotos. Ein Schuss, ein Treffer. Entweder es ist dann scharf und gelungen oder ich habe Pech und der Moment ist vergangen.

 

Motiviert durch diese Fotos und die Emotionen, die ich beim Fotografieren habe, lenkt sich meine Aufmerksamkeit auch immer mehr in diese Richtung. Nun halte ich auch Ausschau nach Jobs, in denen ich Fotos für Leute machen soll. Das wäre eine Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln, sich zu profilieren und auszuprobieren und eventuell Kontakte zu knüpfen. Doch es ist kein Job, mit dem man sehr viel Geld scheffeln kann. Das heißt am Ende: Ich muss mich wieder auf Kellnern oder Früchteernte konzentrieren. Solange ich warten muss und Bewerbungen verteile, werde ich Fotos machen, Gegenden erkunden und Porträts von ganz besonderen Gesichtern einfangen. Die Chance, in einer fremden Stadt fremd zu sein, Momente einzufangen, die nur an diesem Ort geschehen, ist einmalig und muss ich ausnutzen. Wer weiß, wann sich wieder diese Chance ergibt.

Mittlerweile bekomme ich so viele positive Rückmeldungen zu meinen Fotos, dass ich auch an Galerien und Ausstellungen, oder auch an Vorträge denke, wenn ich zurück in Deutschland komme. Ich möchte sie einer größeren Menge zeigen und vielen Menschen eine Freude damit bereiten.

 

Nun bin ich aber hier und jeder Tag ist ein kleiner Schritt in eine Richtung, die ich nicht vorhersehen kann. Meine Motivation ist wie ein Wellenbad und von einer Sekunde zur anderen kann sie überschwappen oder austrocknen.

 

Ich habe keine Ahnung, warum ich euch das alles mitteile. Ich bin komplett verwirrt, niedergeschlagen und weiß weder, was ich denken noch fühlen soll. Ich fühle mich nicht am richtigen Ort und dauernd der finanzielle Druck, da jeder Tag meine letzten Reserven aus den Taschen zieht.

 

Bis bald!

 

Martin


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Kommentare: 2
  • #1

    Angy (Freitag, 05 Oktober 2018 18:50)

    Hallo Martin

    Halte durch! Es lohnt sich diesen Weg zu gehen, denn du hast dich bewusst dafür entschieden!

    ~Liebe Grüße~

  • #2

    Eine ehemalige Lehrerin von dir! (Mittwoch, 24 Oktober 2018 01:42)

    Das Leben wartet weit außerhalb deiner Komfortzone. So ist es!
    Reisen braucht Vertrauen! Das wird schon.