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Australien, die Zweite

Nachdem ich in Sydney in 2 Wochen mehr ausgegeben habe als in zwei Monaten Malaysia, wusste ich, dass ich dort nicht länger bleiben konnte, wenn ich keinen Job fand. Mein Budget war eh schon knapp und jeden Tag gab es andere hohe Ausgaben, die in mir viel Stress auslösten. Ich war doch hergekommen, um Geld zu verdienen und nicht um es aus dem Fenster zu schmeißen.

 

Nur, damit ihr wisst, um wie viel Geld es tatsächlich geht, nenne ich euch hier mal die Umrechnung. Für AUS-$ zu EUR-€ liegt der Faktor bei ungefähr 0,6. Somit sind 100$ also etwa 60€. 200$ sind 120€ und 500$ wären 300€.

 

 

Bewerbungsregen

 

Ich habe in der Zeit auch ein englisches Bewerbungsschreiben und einen Lebenslauf entworfen, was mich mehrere Tage beschäftigt hat. Ich habe das noch nie wirklich gebraucht und auf Englisch ist es nochmal schwerer als auf Deutsch. Jedenfalls hatte ich dann ein Bewerbungsschreiben und schickte es an viele Unternehmen – Immobilienfirmen, Restaurants, Agenturen, die mir Arbeit auf der Baustelle besorgen sollten. Ich sendete mehr als 20 Anfragen für Farmwork oder Fruitpicking über ein Onlineportal namens Gumtree, es kam nur einmal eine Antwort und die war: Die Stelle ist leider schon vergeben. Ich bekam Insidertipps von anderen Backpackern im Hostel, sodass ich direkt anrufen konnte. Leider kein Erfolg. Nach 2 Wochen fühlte ich mich nicht wirklich gut und ich wusste nicht, was ich noch machen soll. An einem Nachmittag, an dem ich über 6 Stunden für Onlinebewerbungen nutzte, entdeckte ich endlich einen Job, der interessant klang (ich verrate erst später, was für einen Job ich fand). Nur gab es bei diesem Job einen großen Haken, der mir etwas Unbehagen bereitete. Und ich musste dafür nach Norden fliegen und ein weiteres Flugticket kaufen. Wieder 120 Euro weniger! Nach kurzem elektronischem Briefwechsel klang der Job nach einem Ausweg. Ich schaute nach den Preisen in Cairns – das war die Stadt, in die ich fliegen musste – und stellte fest, dass es billiger war, dort zu leben. Also flog ich exakt nach 2 Wochen Sydney ungefähr 2700 Kilometer nach Norden.

Richtungswechsel

Nachdem es in Sydney all die Zeit fast ausschließlich geregnet hatte und mir die 13 bis 15 Grad Celsius super eisig vorkamen (nach 8 Monaten tropischen Sommers ist das natürlich normal), freute ich mich ernsthaft auf 27 Grad Celsius und die gewohnt hohe Luftfeuchtigkeit trotz wenig Regens. Cairns ist eine Kleinstadt mit 131.000 Einwohnern und erinnert an amerikanische Städte mit ihren breiten, weitläufigen Straßen. Ich stellte mir direkt vor, wie ich mit einem BMX durch die Gegend rollte, in der Dämmerung, mit ein, zwei Autos, die mir alle paar Minuten entgegenkamen. Die Holzhäuser trugen mit ihrem Flair zu einem Gefühl der Freiheit bei.

 

Nun bin ich seit fast einer Woche hier in Cairns, habe ein BMX für 40$ (inklusive Helm) erstanden und lebe meinen Traum. Hahahaha! Nicht so ganz. Aber billiger kann ich hier auf jeden Fall leben. Ein großer Einkauf pro Woche, dann jeden Tag kochen und diszipliniert auf kleine gelegentliche Ausgaben verzichten. Das Hostel ist auch cool, hat einen Pool und viele junge Leute aus Deutschland und Frankreich (das waren aber schon in Sydney auffällig viele Franzosen und Deutsche). Tagsüber wird Gras geraucht, Gitarre gespielt, in der Hängematte entspannt oder gekocht – alles sehr entspannt. 



Pedicab Cairns

Ich habe mich natürlich gleich am ersten Tag nach der abendlichen Ankunft um meine Arbeit gekümmert. Der Job, den ich machen wollte, bestand darin, Leute in der Stadt mit einem Fahrrad durch die Gegend zu fahren. Eigens gebaute Pedicabs haben hinter dem Sattel eine Art Couch für 2 bis 3 Fahrgäste und 2 Lautsprecher für laute Musik. Wer träumt nicht von einem Job, bei dem man Sport macht und dafür auch noch Geld bar auf die Hand bekommt? Naja, wahrscheinlich genau jene, die diese Dinger fahren. Es gibt nämlich, wie bereits erwähnt, einen großen Haken an der Sache, der mich etwas stutzig gemacht hat: Man soll wöchentlich eines dieser Geräte mieten und ist dann sozusagen freiberuflich unterwegs. Die Miete kostet allerdings 260$, und das jede Woche wohl gemerkt. Das heißt im Monat muss ich erstmal über 1000$ verdienen, damit ich bei 0 bin. Der Einzige, der dabei wirklich guten Gewinn macht, ist der Vermieter dieser Pedicabs. Wenn der nämlich mehr Leute wirbt, erhält er pro Woche auch mehr Geld, und das, ohne arbeiten zu müssen. Leider hat sich herausgestellt, dass er Reparaturen zwar anbietet, aber so dumm herumargumentiert, dass doch alles in Ordnung sei, dass das Fahrrad schon in zwei Teile zerbrechen muss, damit er eingesteht, dass das wohl nicht mehr fahrtauglich ist. Kleine Anfragen wie Sattel verstellen, Bremsen nachziehen erledigt er einfach nicht. Auch so ist dieser Mann eher jemand, der viel erzählt, was gut klingt. Er weiß, was er sagen muss, um Ahnungslose in dieses Geschäft zu locken und so seine 260$ pro Wochen einzuheimsen. Bei 8 Fahrern ergeben sich mehr als 2000$ pro Woche – für Rumsitzen.

Mal ganz davon abgesehen, dass man sich darüber ärgern könnte, ist dieser Job für mich trotzdem echt cool. Übrigens sind die Preise wie folgt gestaffelt. Pro Person soll man 10$ verlangen. Fahren 3 Leute mit, egal wie weit, sind das also mindestens 30$ für eine Fahrt. Wenn den Gästen das zu teuer ist, können sie auch verhandeln. Manchmal bekommt man sogar noch Trinkgeld obendrauf. Für besonders weite und lange Strecken können wir noch einen Zuschlag verlangen.

 

Erfolgreicher Start

Ich startete an einem Mittwoch, an dem kaum etwas los war. Nach 7 Stunden hatte ich gerade mal 60$ gemacht. Doch die Fahrer, die schon länger dabei waren, versicherten mir, es würde zum Wochenende hin deutlich besser werden. Schon am Donnerstag war etwas mehr los, sodass ich mit 140$ nach Hause ging. Freitags beendete ich als einer der letzten die Arbeit um 4 Uhr morgens und fuhr mit etwa 180$ nach Hause. Nach diesem Tag konnte ich also schon mal die Miete für die nächste Woche bezahlen, alles weitere war Plus. Nun war gestern mein erster Samstag und der war erstaunlich gut. Ich bekam insgesamt 350$ zusammen. Nun bin ich natürlich gespannt auf meinen ersten Sonntag und auch Montag werde ich fahren und schauen, was sich so ansammelt.

Abenteuer

Neben dem Geld gibt es aber auch noch etwas anderes richtig Cooles an dem Job. Zum einen echt hartes Beintraining, denn das Fahrrad ist schon ohne Beladung schwer und die Muskeln brennen besonders beim Zurückfahren zum Pedicab-Depot, wenn ich 8 Stunden Kutschieren hinter mir habe. Zum anderen sind es die Geschichten einzelner Fahrgäste und wie diese so drauf sind. Zum Beispiel passierte es, dass ich einen Weg von ungefähr 2 Minuten fahren sollte, 2 Personen, also 20$. Ich spielte – wie gewünscht – Eminem Songs, die der Fahrgast alle mitrappen konnte. Er wollte, dass ich noch eine kleine Extrarunde drehe, damit er zu Ende rappen konnte. Statt vereinbarten 25$ bekam ich dann glatte 50$. Diese Momente machen den Job besonders. Gestern, also am Freitag fuhr ich auch zwei sehr gut gelaunte Typen zu einem Alkoholshop und dann zu ihrem Hotel. Sie boten mir insgesamt 50$ für den Service an. Schweißnass am Hotel angekommen, fragten sie mich, ob ich kurz warten konnte, um ihr Bier ins Zimmer zu bringen. Sie wollten gern wieder zurück in die Stadt. Dafür legten sie nochmal 30$ drauf. Zusätzlich bekam ich zwei Gratis Getränkedosen von ihnen.

 

Ich habe auch schon die verrücktesten Geschichten von den anderen Fahrern gehört, die zum Beispiel ihre Gäste für 250$ etwa 2 Stunden lang von Ort zu Ort fahren sollten. Ich glaube, wenn ich diesen Job 2 Monate mache, könnte ich allein über die Fahrgäste ein ganzes Buch verfassen.

Zusatz

Heute ist Montag. Gestern war ein guter Abend für mich. Doch gestern war ich auch den dritten Tag mit Nasennebenhöhlenentzündung unterwegs. Heute bin ich mit verklebten Augen aufgewacht und direkt zum Arzt - Bindehautentzündung. Ich hoffe, dass ich spätestens Mittwoch wieder einsatzbereit bin und loslegen kann, denn die Miete habe ich für die Woche schon zahlen müssen. Ich melde mich bald wieder und lasse euch wissen, wie es mir in der Zeit ergangen ist.

Ich werde mir demnächst wieder Paracord bestellen und vielleicht ein paar schöne Armbänder verteilen. Geplant ist auch mal wieder Outdoortraining - sobald es mir gesundheitlich wieder gut geht, werde ich damit anfangen.

 

Danke fürs Lesen!

 

 

Euer Martin


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Kommentare: 1
  • #1

    Lutz und Rita (Mittwoch, 24 Oktober 2018 19:41)

    Hallo Maddin....
    Es ist wieder mal ganz toll von dir verfasst, was du erlebt hast...
    Erhole dich gut und werde vor allem gesund...
    Es grüßen dich herzlich von der Insel Kreta
    Lutz und Rita