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Bangkok - Verkehr(t) herum

Meine erste Begegnung mit Bangkoks Verkehr hatte ich ja direkt am ersten Tag, als ich mit dem Tuk Tuk zu meinem Hotel gefahren wurde. Erst einmal sah die Fahrerkabine aus wie einer der Scooter, die man auf dieser Jahrmarktattraktion fahren kann. Dann gab es einige Fußpedale, deren Funktion sich mir bis heute nicht erschlossen hat. Eines war mit Sicherheit fürs Gas, ob es eins für die Bremse gab, würde ich dann schon mitbekommen. Ein paar Blumenketten hingen von oben herab, Seitenspiegel hatte das Tuk Tuk glücklicherweise auch. Der zweite Blick suchte in der Touristenkabine vergeblich nach einem Anschnallgurt. Doch es gab nichts außer das Sitzpolster. Naja, zumindest gab es rechts eine Art Auffangnetz aus stabilem … Garn oder so.

Als dann der Motor aufheulte, wie ein Rasenmäher mit zu viel PS, ging es auch schon los. Zum einen erfuhr ich ein eindrucksvolles Freiheitsgefühl, das ich schon von meinem Moped damals kannte, zum anderen schlug mein an deutschen Verkehr gewöhntes Herz so schnell, wie es nur konnte. Weil es gar nicht hinterherkam mit all den Spurwechseln, die der Fahrer vornahm. Immer, wenn auch nur ein Meter Fahrbahn freiwurde, quetschte er sich hinein um damit wahrscheinlich Zeit zu sparen. Besonders interessant wurde es immer bei roten Ampeln. Die Tuk Tuk Fahrer scheinen darauf allergisch zu reagieren und machen genau das, was man bei einer roten Ampel eigentlich nicht machen sollte – weiterfahren. Und da die Straßen ja eh schon mit Autos, Mopeds und anderen Tuk Tuks vollgestopft waren, wurde eben auf die Gegenfahrbahn ausgewichen. Frei nach dem Motto: „Ach, wenn ich mich dünnmache, dann passen da locker noch 2 Autos vorbei.“

Dass die Thais das mit dem Verkehr nicht so ernst nehmen, kann man auch an diesem wundervoll gestalteten Kennzeichen erkennen
Dass die Thais das mit dem Verkehr nicht so ernst nehmen, kann man auch an diesem wundervoll gestalteten Kennzeichen erkennen

Also wurde hart eingelenkt und die Gegenfahrbahn zum Überholen ausgenutzt. Ich fragte mich einfach nur, wohin das entgegenkommende Auto nun sollte, das genau auf uns zusteuerte. Aber da bog mein Fahrer einfach mit einer harten Rechtskurve in die nächste Straße ein. Hö? Es war doch Rot! Achso, es kam ja nichts. Alles klar! Übrigens herrscht in Thailand Linksverkehr. Das verwirrt den deutschen Fahrgast zusätzlich enorm.

Ich konnte später beobachten, wie zum Ende der roten Ampelphasen immer etwa 10 bis 20 Mopeds schon halb auf der Kreuzung standen. Diese mogelten sich während der Wartezeit einfach durch die Reihen und sammelten sich ganz vorn an der Ampel. Ein Wunder, dass beim Durchmogeln durch die Autos keine Seitenspiegel hinterherflogen. Einige Tage später konnte ich übrigens auch mit ansehen, wie nicht nur die Bewohner der Stadt sondern auch – und jetzt kommt’s – die Polizei einfach genauso verrückt fuhr und genau dasselbe anstellte wie alle, die ich vorher so beobachtet habe. Das ist eigentlich schon wieder witzig und verleiht dieser Stadt einfach einen ganz besonderen Charme. Genauso wie die Autos, auf denen hinten auf der Ladefläche einfach 4 bis 8 Thais sitzen und die Fahrtluft genießen. Oder noch besser, auf dem Dach. Keine Ahnung, ob die Magnete benutzt haben, aber ein Kunststück ist es schon irgendwie. Eindruck haben auch die Mopeds hinterlassen, auf denen so ohne weiteres 3 Thais Platz hatten. Etwas mulmig wurde mir immer dann, wenn ich ein Kind als Mitfahrer auf einem Moped gesehen habe, denn die trugen nie einen Helm. Wahrscheinlich gibt es in Thailand keine Helme für Kinderköpfe. Aber auch die Erwachsenen tragen selten einen Helm.

Wo ich übrigens gerade von Fahrtluft rede: Die Stadt wird verpestet mit den Abgasen, die von den Hunderttausenden Autos und Millionen Mopeds jeden Tag ausgestoßen werden. An der Straße entlangzulaufen ist für meine Lunge eine Qual gewesen. Es fühlte sich an, als würde sich der Ruß sogar auf meiner Haut absetzen. Abends hatte ich jedenfalls oft schwarze Fingernägel, wenn ich mich mal gekratzt habe.

Aus dem letzten Grund (Abgase) würde ich niemals in Bangkok wohnen wollen. Es muss so ungesund sein für einen Tuk Tuk Fahrer, der nicht mal eine abgeschlossene Fahrerkabine hat. Oder für all die Menschen, die tagtäglich am Straßenrand arbeiten (müssen).

Nun gut, mit großer Wahrscheinlichkeit ist der Verkehr in Bangkok/Thailand nicht das Gefährlichste, sondern das, was jeden Tag unbewusst von uns eingeatmet wird. Denn immerhin habe ich nach 4 Tagen im Zentrum von Bangkok nicht einen einzigen Unfall gesehen. Aber die Abgase schon!

 

Warum ich diesen Text zur Rubrik Lebensgeschichten zähle? Es ist mir deutlich geworden, dass ich beim Autofahren als Beifahrer oft Angst hatte, dass andere einen Unfall bauen. Wenn ich nicht selbst am Steuer saß, habe ich mir oft eingebildet, andere würden nicht so aufmerksam fahren wie ich und so konnte ich nie ruhig auf dem Beifahrersitz sitzen. Also ich mit dem Tuk Tuk gefahren bin und hinten von links nach rechts geschleudert wurde, habe ich mir irgendwann gesagt: Vertrau ihm doch einfach, der macht das sein Leben lang und kennt den Verkehr ganz genau. Du kannst ihm vertrauen, dass er dich heil zum Zielort bringt. Und mit einem Mal wich die Anspannung der Freude. Und selbst wenn etwas passiert wäre, hätte ich es mit Sicherheit überlebt. Manchmal müssen wir uns die Angst, die wir haben, ganz bewusst vor Augen halten, uns dann fragen, was im schlimmsten Fall passieren könnte und uns fragen, ob wir alles dafür getan haben, um für diesen Fall abgesichert zu sein. Und in dem Moment verlässt uns die Angst, weil wir verstehen, dass wir unser Bestes gegeben haben und der Rest im Bewusstsein des Universums liegt.


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Kommentare: 3
  • #1

    Jana (Dienstag, 13 Februar 2018 09:54)

    Hallo Martin, so wie du alles genau beschreibst, kann man es sich prima vorstellen, wie du dich gefühlt hast und wie das Leben auf den Straßen dort so spielt. Bin gespannt wie es weiter geht. Jetzt bist du ja in einer ruhigeren Gegend, da kannst du erst mal durchatmen. :) Ich wünsche dir viel Spaß beim Erkunden des Landes und viele schöne neue Eindrücke.
    Ganz liebe Grüße von deiner Mama

  • #2

    Rita (Mittwoch, 14 Februar 2018 18:56)

    Hallo Martin, so wie du auf humorvolle Weise den Verkehr von Bangkok schilderst, werde ich ganz stark an die Strassen auf den Philippinen erinnert. Nur das dort Rechtsverkehr ist und ich fast immer mit einem Pick-app mitgefahren bin und hinten oben eine "Horde" Jugendlicher, die auch schon mal die Beine über die Brüstung hielten.
    Wünsche Dir weiterhin viele tolle Eindrücke. Pass auf dich auf.
    Liebe Grüße, Rita

  • #3

    Stefan (Freitag, 16 Februar 2018 00:17)

    Richtig toller text, ich musste mehrmals lachen! Vorallem das mit der Polizei war sau witzig verpackt :D
    Und das mit den Abgasen ist einfach nur ekelhaft!