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Die Begrenztheit meiner Welt

Ich weiß noch genau, für mich war die Grundschulzeit etwas Besonderes, und auch eine besondere Herausforderung. Nach der 3. Klasse ist meine Familie nach Cottbus gezogen und ich musste in eine neue Grundschule gehen, neue Freunde kennenlernen und mit dem Vertrauen aufbauen wieder von vorn anfangen. Aber ich hatte eine tolle Klasse und da ich nie Stress mit jemandem wollte, hatte ich auch keine Probleme mit anderen Kindern. Ich hatte das erste Mal in meinem noch jungen Leben Freunde, die ausländische Wurzeln hatten. Eine meiner besten Freundinnen war zum Beispiel Halbvietnamesin. Ich habe das allerdings erst jetzt bewusst bemerkt. Als Kind war es mir total egal, woher meine Freunde oder deren Eltern alle stammten. Es waren Kinder und sie waren liebenswert und nett und das zählte. Ich hatte eine wunderbare Zeit.

 

Warum erzähle ich das? Ich habe mich an meine Zeit zurückerinnert, weil ich auf Reisen fast nur noch Menschen treffe, die ebenfalls reisen, damit sie frei sind. Meine Sicht auf die Welt hat sich allein dadurch geändert, dass ich Menschen treffe, die aus denselben Gründen ihr Land verlassen und nach Wegen suchen, mit denen sie mehr vom Leben haben. Mich beschäftigt die Frage, wie so ein Leben funktionieren kann sehr und mit jedem Menschen, der mir seine Geschichte erzählt, verliere ich mehr an Begrenzung und gewinne mehr an Vorstellungskraft, wie genau ich selbst solch einen Weg beschreiten kann. Ich bewundere die Konstellationen, die sich zwischen zwei Menschen ergeben. Wenn ein Spanier mit einer Malaysierin gemeinsam in Kambodscha lebt, als wäre es das normalste auf der Welt! Ist es ja vielleicht auch… Vor wenigen Monaten konnte ich mir noch nicht mal vorstellen, dass Menschen, die nicht muttersprachlich Englisch sprechen, die ganze Zeit lang Englisch mit ihrem Partner sprechen. Und es ist kein Einzelfall. Schon viele gemeinsam reisende Paare, die ich traf, hatten ähnliche Vorgeschichten. Ich bewundere das sehr. Für mich grenzt es fast an ein Wunder. Aber es hat mir eins ganz deutlich gemacht: Unser Zuhause ist nicht irgendein Land, eine Stadt oder ein Dorf. Unser Zuhause ist die Erde, dieser wunderschöne Planet mit all seinen Wundern. Wir sind die, die entscheiden, ob wir reisen, wie oft und wie lange oder ob wir unser Fleckchen Erde, an dem wir seit Jahren verweilen, nie verlassen. Mir ist einfach alles wie Schuppen von den Augen gefallen, seit ich unterwegs bin. All die Dokumentationen sind nur eine Illusion, die es schaffen uns zu faszinieren, aber die eigentliche Faszination steckt in der realen Welt, in all den Ecken und Orten, die unser Planet uns anbietet. Wir sind Menschen, Bewohner dieses Planeten und ich werde das Gefühl nicht los, dass uns Deutschland ein Gefühl der Sicherheit geben möchte, damit wir ja nie auf die Idee kommen, aus unserem Glaskasten auszubrechen. Wir sollen darin sitzen bleiben und alles aus sicherer Entfernung beobachten. Und wenn wir ihn verlassen dürfen, dann angeleitet und allein an die Orte, die bereits von Millionen von Touristen vorplaniert wurden – Massentourismus. Ich bin froh, dass es einige Wege gibt, mit denen wir aus diesem Glaskastengefängnis ausbrechen können. Dazu zähle ich die große Unzufriedenheit, die auch mich antrieb, die Verheiratung oder Liebe mit/zu einem Menschen aus einem anderen Land und auch die natürliche Neugier, die uns dazu bringt, nicht mit der Alltagsantwort zufrieden zu sein und mehr herausfinden oder von der Welt sehen zu wollen.

Ich möchte euch nun noch einen anderen Aspekt vorstellen und mit einem Beispiel einleiten.

 

Ich entdecke auch manchmal Paare im Internet, die sich einen Bus oder Van kaufen, diesen umbauen und dann durch ein ganzes Land reisen. Es gibt sogar schon einen (selbstgedrehten) Kinofilm über eines dieser Pärchen, der da lautet: Expedition Happiness. Meistens haben diese Menschen eine Arbeit, mit der sie vorher oder währenddessen Geld verdienen, damit sie die Hauptkosten decken können. Und dann genießen sie die Freiheit der Entscheidungen. Vor allem aber lernen solche Menschen unglaublich viel über das Leben. Sie lernen keine Algebra oder Fachbegriffe der Photosynthese. Sie lernen die Natur zu respektieren, sich an der Schönheit eines Sonnenuntergangs zu erfreuen, wie man mit wenig trotzdem viel machen kann oder sich nicht mit den Worten „Ich kann das nicht“ zu entschuldigen. So ein Leben ist nicht ohne Probleme, das ist wohl klar. Doch durch den Mut des Wagnisses lernen die Menschen, dass man sich den Problemen stellen muss und dass sie dem Zwecke der Weiterentwicklung dienen und der Reifung der eigenen Stärke, Selbstbewusstheit und auch kreativen Ideenfindung. Als Lehrer weiß ich, dass so etwas nur im Ansatz durch den Lehrplan für die deutschen Grundschüler abgedeckt wird. Vor allem die Kreativität bleibt total auf der Strecke.


Ich habe für mich gelernt, dass Deutschland das Land der Illusion ist. Es lockt uns seit der Geburt mit Sicherheiten, verspricht uns das Gelbe vom Ei. Für alles Mögliche gibt es Absicherungen und Versicherungen, für die man ein Leben lang unvorstellbar große Beiträge zahlt. Steuern und Gelder fließen in ein System, das uns soziale Sicherheit verspricht. Aber diese Systeme werden bald nicht mehr funktionieren. Deutschlands Politiker agieren schon lange nicht mehr (wenn sie es überhaupt jemals getan haben) für das Volk sondern für ihre eigenen Interessen. Wie soll eine Gesellschaft auf Dauer funktionieren, wenn solche unmenschlichen und realitätsfernen Gestalten gar kein Interesse am allgemeinen Wohlergehen der Menschen haben? Als ehemaliger Lehrer habe ich es doch selbst mitbekommen, unter welchen Bedingungen wir Lehrer unterrichten sollen. Unter welchen Bedingungen müssen Arbeitslose leben und was ich auch schlimm finde, unter welchen prekären Bedingungen und Existenzängsten müssen so viele Rentner leben, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet haben?

 

Ich rede ganz bewusst von der Begrenztheit MEINER Welt, da ich weiß, dass viele Menschen ganz anders aufwachsen und für die das, was ich hier über meine Kindheit geschrieben habe, total normal ist. Es ist MEINE Entscheidung für dieses Leben und ICH sehe, wie gut es mir tut. Ich weiß, dass das nicht für jeden Menschen die beste Idee ist. Ich will nur als gutes Vorbild vorangehen und zeigen, dass da draußen so viel Lohnenswertes auf euch wartet, weit abseits von den touristischen Gebieten, weit abseits von Europa. Ich will denen Mut geben, die zögern und sich unsicher sind, wie sie das alles angehen sollen.

Lest meine Berichte und seht, dass ein ganz normaler Mensch wie ich es einfach getan hat und das so vieles möglich ist, was man niemals im Leben erwartet hätte. Es gibt so viele Dinge, von denen wir nichts wissen oder die uns einfach falsch erzählt werden (absichtlich?).

 

Ich kann nur eins nochmal abschließend ganz klar hervorheben: Wer sich für das Reisen entscheidet, entscheidet sich für das LEBEN. Wer reist, der lernt, dass die wahre Glückseligkeit nicht in Dingen steckt sondern in Menschen und Ereignissen, in Höhen und Tiefen und über das froh zu sein, was dieser unbeschreiblich schöne Planet für uns bereithält.

Mit Langzeitbelichtung gemachtes Foto vom Merzdorfer Aussichtsturm, einige Tage, bevor ich Deutschland verlassen habe.
Mit Langzeitbelichtung gemachtes Foto vom Merzdorfer Aussichtsturm, einige Tage, bevor ich Deutschland verlassen habe.

Warum habe ich dieses Bild für diesen Post gewählt?

Der Turm steht eigentlich in Cottbus, doch immer, wenn ich oben war, gab es mir das Gefühl, ich wäre dem Himmel ein wenig näher, den Sternen etwas näher und alles um mich herum wäre irgendwie ruhiger. Deutschland zu verlassen, war wie auf den Turm zu steigen – ich überblickte nicht mehr nur die Welt, die um mich herum war, ich konnte so viel mehr sehen. Ich konnte Trugschlüsse aufdecken. Ich konnte sehen, dass einige Aussagen von Menschen gar nicht stimmten. Ich konnte neue Erkenntnisse gewinnen. Aus diesem Grund verbinde ich dieses Bild mit meinem Beitrag.

Ich bin sehr daran interessiert, was ihr zu diesem Thema sagt. Stimmt ihr dem zu, was ich hier erzähle? Habt ihr dieses Gefühl auch schon gehabt, endlich aus den Fängen Deutschlands zu entkommen? Oder fühlt ihr euch wohl an dem Ort, an dem ihr lebt und wollt gar nicht die weite Welt sehen und euch reicht die Stadt oder das Bundesland? Ich möchte wirklich wissen, was ihr dazu sagt, also seid mutik und schreibt mir mal einen Kommentar!


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Kommentare: 4
  • #1

    Ireen (Freitag, 16 März 2018 09:25)

    Hallo Martin,
    was ich dir sofort abkaufe nach diesem Beitrag, ist, dass man auf Reisen lernen kann, was die größte Bedeutung im Leben hat: die Begegnungen mit Menschen. Auf Reisen tritt dieses besonders zu Tage, weil wir aufgrund der Fremde viel mehr davon abhängig sind, wie andere Menschen zu uns sind. Doch wenn man zu Hause ist, ist dies für mich nicht anders. Nur fällt es hier seltener auf. Wir sehen ja fast jeden Tag die selben Menschen und aufgrund der Gewohnheit des Alltags, vergessen wir die wertvollen Dinge an ihnen wahrzunehmen. In der Fremde fällt das auf und es gibt uns ja auch ein Stück Heimat, wenn wir vor Ort in der Ferne jemanden aus Deutschland treffen.

    Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in Deutschland gefangen bin. Im Gegenteil: Erst unser Staat gibt uns die Freiheit das zu tun, was du gerade tust. Es gibt leider auch Menschen in fanatischen Gruppen auf der Welt oder Orte, wo du dafür umgebracht wirst.
    In Sachsen lässt sich gerade (wahrscheinlich mehr als woanders in Deutschland) spüren, unter welch schlechten Bedingungen Lehrer arbeiten müssen. Es ist eigentlich unglaublich - Details erspare ich mir hier. Und ja, das ist eine Fehlplanung der Politik und wir haben guten Grund sauer zu sein. Deshalb würde ich aber nie behaupten, dass Politiker für ihr eigenes Wohl arbeiten. Sicher wollen sie wiedergewählt werden, aber es gibt doch unzählige Beispiele, wo unsere Strukturen wahnsinnig toll sind! Angenommen jemand aus Thailand würde hierher reisen... was würde der wohl alles toll finden so wie du Dinge und Menschen dort bereichernd findest? Ich bin davon überzeugt, dass jeder Fleck auf der Erde seine Vorzüge hat. Es gibt kein Richtig und kein Falsch - das einzig richtige ist Menschen zu tolerieren wie sie sind und dass wir in Würde miteinander leben können. Und da gibt sich Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Erde zumindest große Mühe, dass das so ist/bleibt. Warum sind die meisten Parteien denn sonst so schockiert darüber, dass die AFD im Bundestag die größte Oppositionspartei ist? Genau: Weil die AFD oder Mitglieder der Partei zum Teil menschenverachtende oder gruppenspezifische Beleidigungen öffentlich gemacht hat/haben. Weil die AFD einen Ton wählt, der darauf ist, alle anderen erst mal pauschal schlecht zu machen. DAS wollen die anderen Parteien im Bundestag zumindest nicht. Ich habe das Gefühl, dass sie sich große Mühe geben, verschiedene Gruppen zu würdigen und ich glaube, dass es eine mächtige Herausforderung ist, in jedem Politikbereich Regeln zu schaffen, die für alle gerecht sind. Zumal jeder ein unterschiedliches Gerechtigkeitsbedürfnis hat. Und dann sollen diese Regeln auch noch demokratisch sein... das ist einfach total schwierig.
    Ich finde es toll, dass wir in Deutschland überhaupt erst die Chance dazu haben öffentlich einen Diskurs über Probleme zu führen, Dinge anzusprechen und jeder seinen Senf dazu geben darf und dann auch noch eine Chance darauf hat, Gehört zu finden, sodass seine Wünsche umgesetzt werden. Das ist ein großes GUT! Das gibt es an so vielen Orten der Welt leider nicht. Da sind Unterdrückung, Zensierung oder wie du letztens schriebst: Das Umfahren von Menschen... traurige Tagesordnung. Vielleicht ist das ja zumindest ein Vorteil an den vielen Gesetzen in Deutschland: dass nicht jeden Tag zig Menschen tot gefahren werden, weil sie die Straße an der falschen Stelle überquert werden (auch wenn das natürlich trotzdem hin und wieder passiert).
    Arbeitslose leben unter schlechten Bedingungen, ja! Aber wo auf der Welt leben Arbeitslose nicht unter schlechten Bedingungen? Die meisten Menschen wollen arbeiten und gehen dafür sogar in andere Zipfel der Welt. Da gibt es in Deutschland zumindest Lösungsansätze, Arbeitslosen zu helfen. Ob die wirken und für jeden einzelnen das versprechen, ist sicher verschieden. Ich möchte dich dazu bewegen, die Nachteile in Deutschland zu hinterfragen. Es ist gut, auf einen Missstand aufmerksam zu machen, aber zunächst ist es besser zu fragen, WARUM etwas so ist und noch besser, WAS war die gute Absicht dahinter. Ein System, in dem eine Gemeinschaft füreinander sorgt (ich zahle Steuern und Abgaben, damit andere Menschen, denen es schlechter geht, versorgt werden können) ist aus meiner Sicht ein guter Ansatz. Und dieser Ansatz kommt von Politikern, die es eben versuchen über die Jahre anzupassen...

    Ich glaube einfach, dass du in deinem Beitrag manches abstempelst, was dem GUTEN dahinter nicht gerecht wird. Überall gibt es schlechte Politik auf der Welt, die einen versuchen es nur besser zu machen als die anderen und wir haben das Glück, dass wir uns daran beteiligen können. Woanders würde ich umgebracht, wenn ich das tun würde.

  • #2

    Martin (Freitag, 16 März 2018 10:53)

    Also erstmal versuche ich mich kurzufassen, damit das hier nicht ausartet. Auch mein Beitrag ist kurzgefasst, und so kann ich nicht alles ausführlich darstellen. Deshalb tut es mir leid, wenn ich in deinen Augen zu oberflächlich über das Thema schreibe. Ich will mit meinen Texten auch immer ein wenig provokativ sein und freue mich deshalb auch über Kommentare wie deinen. Wieso sollte ich den löschen? Was ich hier darstelle, ist meine derzeitige Meinung zu Deutschland, zum Reisen und wie ich die Welt wahrnehme. Ich akzeptiere, wie du die Politiker einschätzt. Am Ende wissen wir beide gleich wenig, was genau die da oben tun. Es liegt an uns, ob wir glauben, was uns erzählt wird, ob wir uns aus vielen Quellen informieren oder welchen Weg wir wählen. Ich denke, zum Thema Deutschland haben wir einfach überaus verschiedene Meinungen.
    In einer Sache kann ich dir nicht ganz zustimmen: Ich glaube nicht, dass uns die Menschen, nur weil wir Reisen oder in den Urlaub fliegen, netter vorkommen als die Deutschen, weil wir diese jeden Tag um uns haben. Es ist einfach der Wohlstand der Unterschied (und natürlich klingt das wieder pauschalisiert, aber anders kann man es nun mal nicht beschreiben). Denn wenn was gleich ist, dann dass die Armen, die wenig oder fast nichts haben, diejenigen sind, die teilen ohne zu zögern. Überall auf der Welt gibt es alle Arten von Menschen und vielleicht kommen einem Thailand und Südostasien insgesamt freundlicher vor, weil hier die meisten Menschen nur wenig zum Leben haben. Und ich bin mit meinem Rucksack im Grunde in derselben Lage und freue mich deshalb so über Hilfe und alles. Um nun eine Einschätzung von Deutschland zu bekommen, müsste ich den Selbstversuch machen und mit meinem Rucksack durch Deutschland reisen und schauen, wie ich mich dabei fühle. Da ich mich hier aber wohlfühle und erst noch weitere Länder bereisen möchte und das Gefühl von wahrer Freiheit genießen will, wird das wohl so schnell nicht passieren.

    Ich danke dir für deine Meinung!

  • #3

    Ireen (Freitag, 16 März 2018 11:57)

    Ja ich würde mir auch wünschen, dass die, die viel haben, in Deutschland mehr abgeben und von sich aus teilen. Das ist sicher toll, dass du erleben kannst, wie hilfsbereit deine Wegbegleiter sind! Das schreibst du auch immer sehr gut nachvollziehbar.

  • #4

    Ireen (Freitag, 16 März 2018 12:04)

    Entschuldigung ich möchte den Rahmen auch nicht sprengen. �
    Ich meinte das auch nicht so, wie du es gespiegelt hast: dass sie uns nur netter vorkommen, weil wir reisen. Du kannst ja tatsächlich beurteilen ob sie in Asien viel netter sind. Ich wollte bloß sagen, dass es uns mehr bewusst wird und richtig auffällt. Es ging mir selbst so, dass ich in der Fremde dankbarer war für Hilfe und Nettigkeiten als in Deutschland zum Beispiel durch die Hilfe meiner Nachbarin. Du hast mich zum Nachdenken darüber angeregt und da fiel mir auf, dass es die gleichen Gesten waren, nur in unterschiedlichen Kontexten.