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Cairns - Die liebenswerte Touristenstadt

TEIL 1

In diesem Beitrag möchte ich euch etwas über die Stadt erzählen, in der ich mich während meines Australienaufenthaltes am längsten aufhalte. Das alles kam nur dazu, weil ich meinen ersten Job in Cairns gefunden und angenommen habe. Jetzt fahre ich schon lange nicht mehr mit den Pedicabs herum. Den ein oder anderen werden meine Beschreibungen bestimmt etwas an Cottbus – meine Heimatstadt – erinnern. Aber lest doch einfach selbst.

 

Tropisches Paradies oder Hitzeloch?

Kaum zu glauben, dass Cairns die Touristenhauptstadt Australiens sein soll, in die jährlich die meisten Backpacker reisen. Doch das liegt eher an dem Great Barrier Reef und dem anliegenden Regenwald und nicht an der Stadt an sich. Cairns ist eine Kleinstadt mit 133.000 Einwohnern, liegt sehr weit nördlich im Bundesstaat Queensland und befindet sich direkt am Meer. Wer hier keine Arbeit findet, wird sich recht schnell langweilen. Leider gibt es direkt in Cairns keinen natürlichen Strand. Dafür eine Art Lagune, die einem Freibad gleicht. Man kann dort an kostenlosen Grillplätzen sein Essen zubereiten, was ich echt eine tolle Sache finde. In Cairns wird man mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf Deutsche Reisende treffen. Das sogar so oft, dass man manchmal vergisst, dass man sich gerade in Australien befindet. So habe ich auch Lasse und Jordi kennengelernt, mit denen ich ab und zu im Casino war.

Cairns‘ weite Straßen und flache Häuser bieten bei 36 Grad nicht viel Schatten. Hier herrscht eindeutig tropisches Klima. Erst vor ein paar Tagen hat uns fast ein Zyklon überrascht, es ist allerdings nicht so schlimm geworden wie vermutet. Allgemein war die letzte Woche die wohl verrückteste in meinem ganzen Leben. Aber dazu später mehr.

 

Cairns Einwohner

Die Menschen hier sind wirklich übertrieben nett und helfen einem bei fast allem direkt aus. Sie geben übermäßig viel Trinkgeld und verhandeln bei gebrauchten Gegenständen nicht um jeden Cent. Geschenkt wird ab und zu auch mal etwas. Und bei der einen oder anderen Backpacker-Geschichte hören sie gebannt zu. Die Gelassenheit merkt man auch im Straßenverkehr. Da gibt es zwar auch laut brummende, hoch getunte Autos, die meisten fahren jedoch gemächlich und brauchen bei einer Ampel, die auf Grün schaltet, durchaus ein paar Sekunden, bis sie anfahren. Gehupt wird hier eigentlich nie. Da Australier aber dafür bekannt sind, total auszurasten, wenn sie zu viel Alkohol trinken, habe ich eine Theorie dazu entwickelt: Vielleicht nehmen manche tagsüber alles in Kauf, weil sie nett zu allen sein wollen und stauen die Wut an. Wenn sie dann Alkohol trinken, verlieren sie die Beherrschung und die Wut entweicht. In Australien kommt es immer wieder dazu, dass durch eine Schlägerei zwischen Betrunkenen Menschen gestorben sind. Als ich noch mit Pedicab arbeiten war, habe ich so etwas Ähnliches auch mitbekommen. Die Polizei ist sehr präsent in der Stadt. Trotzdem läuft fast jeder bei Rot über die Straße, selbst wenn daneben ein Polizeiauto steht. Die Verhältnisse sind halt einfach anders.

 

Batmans Zuhause

Zuerst möchte ich auf all die Flughunde eingehen, die tagsüber kreischend in den Baumwipfeln hängen und auf die Dämmerung warten. Wenn die Sonne dann hinter den nahegelegenen Bergen untergeht und der Himmel in abendliches Gelb-Orange-Rot getaucht wird, fliegen sie los, um ihre Beute zu schnappen. Zu tausenden flattern sie tief über die Köpfe der Menschen hinweg oder erheben sich in weite Höhen, wo man ihre Größe nur noch erahnen kann. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 1,7m sind sie mehr als beeindruckend unterwegs. Auch, wenn es unter ihren Nistbäumen, die sich mitten im Stadtzentrum befinden, echt streng riecht, freue ich mich doch jedes Mal aufs Neue auf dieses Spektakel, das ich so noch nirgendwo erleben durfte.

Übrigens gibt es in Cairns auch sehr verrückte Vögel. Manche sehen aus wie kniehohe braunweiße Flamingos, die einfach mitten in der Nacht anfangen, irgendwo in der Stadt in einer Gruppe von drei bis fünf Vögeln loszukreischen. Das klingt dann wie eine Mischung aus Sirene und schreiendem Kind und wahrscheinlich versuchen alle Vögel dieser Gruppe der lauteste zu sein. So richtig verstehe ich nicht, was das soll. Es gibt aber noch grüne Papageien, die sich nach Einbruch der Dunkelheit in Bäumen im Stadtzentrum versammeln und drauflos schnattern. Das klingt dann so, als würden sie sich zum Abendklatsch treffen und jeder gleichzeitig erzählen, was ihm tagsüber so passiert ist. Die Lautstärke von ein paar hundert dieser grünen Flieger ist unvorstellbar laut.

 

Restaurants

Seit ich für Uber Eats arbeite – eine App zum Essen Liefern, ähnlich wie Lieferheld – werde ich täglich mit dem Angebot der verschiedensten Restaurants konfrontiert. Der Duft des Essens, das ich in meine Tasche packe, ist nur schwer auszuhalten und mittlerweile kann ich bestätigen, dass die meisten dieser Restaurants überaus leckeres Essen zubereiten. Nur kostet es auch dementsprechend, sodass man als Uber Eats Fahrer eigentlich nicht in den Genuss eines dieser Gerichte kommt. Ich selbst denke dann in Lieferungen: „Das ist mir echt zu teuer, das wären 4 Lieferungen, die ich fahren müsste, um das bezahlen zu können.“ Da Cairns von internationalen Gästen besucht wird (und wirklich viele Chinesen hier Urlaub machen), gibt es auch recht viele asiatische Restaurants. Neben Thailändisch, Koreanisch, Chinesisch, Malaysisch oder Indisch gibt es auch originale australische Küche, überzeugende Burgerrestaurants, Pizzerien, Kebabs und auch ein auf Schnitzel spezialisiertes Restaurant. Die Auswahl ist unüberschaubar. Ich habe eine Liste angefertigt von allen Restaurants, für die ich Essen liefere, und hoffe, dass ich es schaffe, von jedem mal ein Gericht zu probieren.

 

Ureinwohner

In Australien, und eben auch in Cairns, sind die Aborigines zu Hause. Doch, wenn man sich vorstellt, dass sie mit einem Didgeridoo Musik spielend an der Esplanade sitzen und die Leute unterhalten, liegt man damit total daneben. Die Aborigines sind noch etwas schlimmer dran, als so mancher Arbeitsloser in Deutschland. Sie bekommen zwar Zahlungen als Entschädigung, dass man ihnen ihr Land weggenommen hat, doch das nutzen sie fast ausschließlich für Zigaretten und Alkohol. Schon am Morgen fallen manche von ihnen ohnmächtig um und werden in den Krankenwagen eingeladen. Abends wird es gruselig, wenn sie in Gruppen laut brüllend herumlaufen und nichts wirklich Sinnvolles unternehmen. Da reicht die Tatsache, dass es wunderschöne Galerien mit Aborigines-Kunst in Cairns gibt, gar nicht aus, um diese Lebensweise wieder ins rechte Licht zu rücken.



TEIL 2

Jetzt möchte ich euch die Ereignisse der letzten Woche in Cairns vorstellen, die weniger mit Cairns zu tun haben, als man vielleicht annimmt. Es geht vielmehr darum, dass einfach fast der Ausnahmezustand ausgebrochen ist und das ist nicht übertrieben.

 

Der völlig verrückte Wochenrückblick Cairns

Die Woche vom 10. bis 16. Dezember war von Anfang bis Ende eine der krassesten Wochen meiner Reise, vielleicht sogar meines Lebens. Das am wenigsten Schlimmste zuerst: Cairns wurde zweimal von einem Zyklon besucht, der Starkregen mit sich brachte. Das Wetter war unstetig und man wusste nie, ob es nur ein paar Minuten stark regnet oder die ganze Nacht. Bei über 30 Grad trotz Regens lag die Luftfeuchtigkeit bei über 90%. Ich habe trotzdem jeden Tag gearbeitet und, bezogen auf die Einnahmen, eine der besten Wochen gehabt.

Am Mittwochabend wollte ich eigentlich nur noch ins Bett, hörte aber einen Mann aus einem der Zimmer brüllen. Als ich zum Fenster lief um zu schauen, was los ist, sah ich, dass er eine junge Frau auf dem Boden durchschüttelte und verzweifelt rief. Ich rannte zur Tür und klopfte. Danach ging alles sehr schnell. Wir riefen den Krankenwagen und die Polizei, zwei Männer versuchten Erste-Hilfe-Maßnahmen, doch nichts half – sie war tot. Wahrscheinlich war sie schon für ein paar Stunden tot. Keiner wusste wie sie gestorben war, keiner weiß es so recht bis heute. Ich habe Blut an ihren Armen gesehen. Hatte ihr Freund etwas damit zu tun? Alles ein großes Mysterium.

Am Samstag war durchweg der regenreichste Tag, doch ich arbeitete trotzdem. Da ich fast der einzige war, bekam ich viele Fahrten und konnte gut Geld verdienen. Am Sonntagmorgen wollte ich direkt weitermachen, es sollte nicht mal regnen. Ungefähr 10 Uhr morgens nahm ich eine Bestellung von McDonalds entgegen, verließ das Restaurant und wunderte mich, wo mein Fahrrad war. Es waren nicht mal 2 Minuten gewesen und doch hatte es jemand einfach geklaut. Am frühen Morgen. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich hatte doch gerade erst alles repariert – 300 $ reingesteckt und endlich funktionierte alles tadellos. Es war einfach so weg. Ich musste die Lieferung zu Fuß beenden. Das Verrückteste aber passierte auf dem Weg zurück zum McDonalds, wo ich auf die Polizei warten wollte. Immerhin gab es Sicherheitskameras, die den Typen aufgenommen haben. Jedenfalls kam genau dieser Mann mir auf meinem Fahrrad entgegen. Ich war paralysiert, wusste nicht, wie ich ihn zum Anhalten bekommen könnte. Keine Ahnung, was ich sagen sollte, auf Englisch war alles noch viel schwieriger. Ich wollte ihm nicht zu nahekommen, denn es war eine unberechenbare Situation. Am Ende sagte ich etwas, was nicht half, er fuhr panisch weg und ich – in Flip Flops und mit der Tasche auf dem Rücken – sah ihm hinterher, wie er (vielleicht für immer) davon fuhr.

 

Erfüllt von Wut und Traurigkeit

Ich war wütend. Ich war wütend auf mich, auf den Typen, der einfach fröhlich mit meinem Fahrrad umherfuhr. Unverständlich, wie jemand einfach das Eigentum eines Anderen in Beschlag nehmen konnte und damit durch die Gegend fuhr, als wäre es seins. Ich war wütend auf die Polizei, die sich für ein kleines Fahrrad wie meins nicht zu beeilen schien. Ich wartete eine Stunde am McDonalds. Ich wusste, dass es nur 2 Minuten dauerte von der Polizeistation bis zum McDonalds. Ich verlor mich in meiner Wut und Traurigkeit. Ich wollte einfach nur mein Fahrrad zurück. Mein Kopf war voll mit „Ich hätte etwas anderes sagen sollen.“ und „Ich hätte das Fahrrad für diese 2 Minuten anschließen sollen, auch wenn ich nur 5 Meter vom Eingang entfernt war.“ So viele „hätte“, die mir nicht weiterhalfen, außer mich selbst noch tiefer in Wut zu vergraben. Ich fühlte mich hilflos und nicht verstanden. Ich fühlte mich ohnmächtig. Ich dachte daran, ein neues Fahrrad zu kaufen. Wieder Geld auszugeben. Hörte das denn nie auf? Ich fragte mich nicht mehr, warum ausgerechnet mir so etwas passierte. Ich wusste, es konnte jedem passieren. Selbstmitleid blieb diesmal aus. Umso mehr kämpfte ich mit der Wut und Traurigkeit.

Am Nachmittag nahm ich ein Fahrrad aus dem Hostel und durchsuchte die Gegend nach meinem Fahrrad oder dem Typen. Ich wollte einfach alles Mögliche probieren, um mein geliebtes Fahrrad zurückzubekommen. Ich fragte sogar Einwohner, ob sie jemanden mit dem Aussehen kannten. Ich bezweifelte, dass die Polizei mittlerweile das Sicherheitskamera-Material gesichtet hatte.

 

Wieder etwas gelernt

 

Am Ende des Tages war ich ziemlich fertig mit den Nerven, hatte keine Ahnung, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Ich telefonierte mit Elaine, die mir wirklich gut zureden konnte. Ich spürte, dass das, was sie sagte, das einzig Richtige war. Auch im Gespräch mit Jordi und Lasse bemerkte ich etwas Wesentliches, das ich im Buch von James Mc Crae gelesen hatte – die Geschichte vom Bauern, der einfach alles, was ihm passiert, völlig neutral sieht. Egal, ob ihm etwas total Gutes oder etwas sehr Schlimmes passiert, er sagt immer: „Naja, erstmal sehen.“ Und seine Nachbarn bewerteten alles, was ihm passierte: „Du hast aber Glück.“ oder „Mensch, das ist ja schlimm, was dir da passiert ist.“ Mir wurde klar, dass ich an diesem Tag einer der Nachbarn war. Mir wurde wieder bewusst, dass selbst Dinge, die wir als schlecht bewerten, höchstwahrscheinlich zu etwas Gutem führen und einfach nur in dem Moment so schlimm aussehen. Ich wusste das bereits, nur heißt das nicht automatisch, dass ich es in so einer „Ausnahmesituation“ anwenden kann.


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