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Erfahrungsbericht 7 Tage Vipassana Meditation in Chiang Mai

Tag 1 – Ankunft am International Buddhism Center Chiang Mai

Während ich mit dem Taxi (das mich stattliche 400 Baht kostet) den Berg hinauffuhr, auf dem sich der Tempel Doi Suthep befindet, stieg in mir die Anspannung hoch. 7 Tage würde ich dort bleiben und meditieren. Was erwartete mich? Würde dieses „Vipassana“ eine Tortur werden? Vielleicht kämen meine tiefsten Ängste zum Vorschein? Die Ungewissheit war größer als der Berg, auf den ich musste. Was ich wusste, war: Elektronische Geräte sind nicht erlaubt, Rauchen ist untersagt, Teilnehmer dürfen nicht miteinander reden. Außerdem gibt es außer dem Frühstück (7 Uhr) und Mittag (11 Uhr) keine weiteren Mahlzeiten.

Ich stieg viele Treppenstufen nach oben zum Tempel, mit meinen 2 schweren Rucksäcken gar nicht so leicht, und lief dann hinter dem Tempel wieder herunter, da sich dort das separate Meditationszentrum befand (durch Pfeile ausgeschildert). Als ich mich angemeldet hatte und die Anspannung langsam abfiel, wurde mir mein Haus gezeigt, Raumnummer 307. Um 14:30 Uhr sollte ich in Weiß in der Meditationshalle sein und alle Instruktionen erhalten. Um 15:30 sollte dann die Eröffnungszeremonie stattfinden. Mein Zimmer war das am spärlichsten eingerichtete Zimmer, das ich jemals gesehen habe – ein Bett. Aber verständlich, funktioniert das Ganze ja nur durch die Spenden der Teilnehmer. Und immerhin nicht auf dem Boden schlafen, richtig?

Mein Rückzugsort für 7 Tage und 7 Nächte
Mein Rückzugsort für 7 Tage und 7 Nächte

Pünktlich 14:30 bekamen wir unsere Anweisungen von einem jungen Mönch, der das zum ersten Mal machte. Von den insgesamt 4 Meditationstechniken für Vipassana sollten wir die Lauf- und Sitzmeditation anwenden. Beim Laufen sollten wir ganz langsam einen langen Teppich entlanglaufen und uns nur darauf konzentrieren. Beim Sitzen sollten wir sehr auf die Atmung und das Heben und Senken des Bauches achten (Rising/Falling).

Eine Stunde später wurden insgesamt 5 Vipassana-Anwärter für die nächsten Tage aufgenommen. Dann fingen wir auch direkt praktisch an. In dem Meditationssaal über der Halle, in der auch die Abendgebete stattfinden, ist viel Platz bei nur 5 Mann und Frau. In den kommenden Tagen würde sich dieser deutlich stärker füllen.

An meinem Ankunftstag war Vollmond, sodass wir statt des Abendgebets in den Tempel gingen und noch eine weitere Zeremonie miterlebten. Schon 21 Uhr und nach insgesamt 3 Stunden Meditieren lag ich im Bett und schlief schnell ein.

Tag 2 bis 4 – Vipassana-Meditation

Jeder Tag begann auf dieselbe Weise: 5 Uhr klingelte der Wecker, 5:30 Uhr erzählte uns unser Lehrer – ein 50-jähriger Mönch – von den Lehren Buddhas, die Dhamma genannt werden. Sein Englisch war schwer zu verstehen, aber seine Begeisterung machte das wieder gut. Eine ganze Stunde faszinierte er uns mit seinen Erfahrungen, die er mit anderen Schülern und Menschen, die seine Hilfe in Anspruch genommen haben, über all die Jahre gesammelt hatte. Dann blieben noch 20 Minuten, um ein wenig über das Gesprochene zu sinnieren oder eine kurze Meditation durchzuführen, und schon gongte es zum Frühstück.

Die Mahlzeiten hier sind vegetarisch und sehr, sehr einfach (wie gesagt, alles durch Spenden bezahlt). Fast immer gibt es Reis und verschiedenes Gemüse. Ab 8 Uhr hatte ich 3 Stunden Zeit, meine Meditation zu verbessern. Um ehrlich zu sein, war diese Vipassana-Meditation das erste richtige Meditiererlebnis überhaupt für mich. Was mir sofort auffiel, war meine innere Stimme, die die Bewegungen und Blicke der anderen kommentierte. Ich weiß nicht, ob das nur bei mir so war, aber die Stimme war allgegenwärtig. Fakt ist, alles, was ich über die Leute zu wissen dachte, war reine Spekulation. Beim Meditieren in dem Saal hatte ich oft das Gefühl, dass die anderen das alle viel besser machten. Bis mir auffiel, dass ich deren Gedanken gar nicht hören konnte, und die klangen vielleicht genauso verzweifelt wie meine. Von außen schien jeder – auch ich – der perfekte Meditator zu sein.

Der Weg vom Meditier-Gebäude zu den Unterkünften
Der Weg vom Meditier-Gebäude zu den Unterkünften

Das Meditieren an sich lief für mich eher mittelprächtig. Dabei meine ich nicht, dass ich dauernd über alles Mögliche nachgedacht habe (was Monkey Mind genannt wird), sondern dass ich manchmal komplett abschweifte. Der Lehrermönch meinte jedoch, dass alles gut war, solange ich erkannte, dass ich etwas dachte und dann wieder zum Laufen oder Atmen zurückkam.

Pünktlich um 11 Uhr wurde zum Mittag gegongt. Während es zum Frühstück einen Teller für jeden gab, konnte man sich zum Mittag selbst auswählen und auftun und auch nachholen.

 

Jeden Tag um 12:30 Uhr gab es eine kurze Rücksprache mit dem Lehrer, der uns immer eine neue kleine Veränderung unseres Meditationsablaufes erklärte. So wurde das einfache langsame Laufen immer wieder untergliedert, bis ich einen einzigen Schritt in 4 Teilen ausführte. Beim Sitzmeditieren wurde nach dem Ausatmen der Schritt „Sitting“ eingeführt, bei dem ich mich auf meinen sitzenden Körper konzentrieren sollte. Erst dann sollte ich wieder einatmen. 

Die Essenhalle
Die Essenhalle

Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den ersten Tagen an Donuts und leckeres Eis gedacht habe. Jedenfalls hatten wir nachmittags 5 Stunden Zeit für Meditation. Es war gar nicht so leicht diese lange Zeit ohne Ablenkung hinter sich zu bringen. Während ich immer wieder versuchte, im Moment zu bleiben und meine Konzentration auf meinen Körper zu lenken, erinnerte ich mich an Menschen und Erlebnisse, die ich schon lange vergessen hatte. Ich nahm all das durchweg positiv wahr, auch wenn ich manche Situationen früher viel negativer bewertete. Insgesamt änderte sich meine Ansicht über mein Leben sehr schnell von "traurig und schlimme Erfahrungen" zu "wertvolle Momente und Dankbarkeit für Erlebtes".

6 Uhr abends versammelten sich alle Teilnehmer mit dem Lehrer in der Halle und beteten. Das darf aber nicht falsch verstanden werden. Das Ganze glich eher einem rhythmischen Sprechgesang, der mit positiver Danksagung an Buddhas Lehren und Erkenntnisse auch einen positiven Effekt auf uns haben sollte. Zumindest hat es Spaß gemacht und klang auch sehr melodisch. Man sollte offen dafür sein und es nicht zu verbissen sehen.

Zum Abschluss des Tages gab es nochmal 1 bis 2 Stunden Zeit für Meditation. Ab Tag 4 allerdings verließ ich den Saal schon eher, weil ich noch Eintragungen in mein Notizbuch schreiben wollte und unbedingt vor 21 Uhr die Augen schließen wollte (zu viele Träume in der Nacht).

 

Am Ende jeden Tages hatte ich extreme Schmerzen in den Schultern (da ich zu tief ein- und ausgeatmet hatte) und auch die Knie und mein Rücken (aufgrund meiner Skoliose) waren zu spüren. Allerdings wurde es ab Tag 5 besser.

Die Meditationshalle, in der uns unser Lehrer im Meditieren unterrichtete
Die Meditationshalle, in der uns unser Lehrer im Meditieren unterrichtete

Tag 5 bis 7 – Vipassana-Meditation

Ich spürte kaum Verbesserung in den letzten Tagen, auch wenn der Lehrer versicherte, ab Tag 3 wäre eine Veränderung zu merken. Ich verlor mich in Gedanken über die Zukunft und in Erinnerungen an meine Vergangenheit. Meistens konnte ich mich direkt wieder zum Atmen lenken, aber immer wieder flogen meine Gedanken davon. Es schien, als würden sie in Tag 6 und Tag 7 sogar noch mehr werden.

Jede Nacht wachte ich mehrmals auf. So viele Träume hatte ich noch nie so bewusst wahrgenommen wie hier. Auf jeden Fall ein Indiz dafür, dass etwas in meinem Kopf in Bewegung kam.

Es gab dann doch einen Moment der Erkenntnis, als ich Trauer in mir hochkommen spürte. Ich erkannte, dass ich mich nicht selbst liebte und dass das die Erklärung für viele Momente in meinem bisherigen Leben war. Ich nahm mir direkt vor, Selbstliebe zu erfahren und lobte mich die letzten Tage für mein Durchhaltevermögen. Es gab übrigens nur einmal einen Moment, in dem ich aufgeben und eher abreisen wollte. Nur kurz und selbstmotivierend raffte ich mich zusammen und beendete auch den 7. Tag (fast) völliger Stille. Mit einem breiten Grinsen.

Abreisetag

Ich hatte es geschafft. Trotz des ein oder anderen Zweifels, ob der Besuch im Meditationszentrum überhaupt Früchte trug, hatte ich es durchgezogen und war stolz auf mich. Noch ein letztes Mal genoss ich den Dhammatalk am Morgen und ein letztes Mal aß ich das leckere Frühstück. Dann wurde ich mit der Abschlusszeremonie verabschiedet und unser Lehrer gab uns ein letztes Mal wichtige Worte mit auf den Weg. Ich spürte, wie berührt ich war. Es fühlte sich an, als hätte er genau das angesprochen, was ich brauchte. Mit ein paar Tränen in den Augen, die ich mir nicht so recht erklären konnte, verließ den Tempel noch vor 10 Uhr morgens.

Einschätzung:

Anfänger

Eine Vipassana-Meditation ist durchaus für Anfänger wie mich geeignet, auch wenn es einen starken Willen braucht und niedrige Hygieneansprüche. Die Dhamma-talks sind inspirierend und regen zum Nachdenken an. Das Beten/Chanting macht Spaß. 5 bis 8 Stunden Meditieren am Tag sind auf jeden Fall nicht zu unterschätzen. Dafür aber umso lebensverändernder.

Ich will Meditieren definitiv in meinen Alltag einbauen und mich darin verbessern. 7 Tage waren wie ein Crashkurs. Wer sich eine Woche nicht zutraut, kann auch mit 3 oder 4 Tagen anfangen. Nicht miteinander zu reden und das 7 Tage lang, ist auf jeden Fall eine ganz besondere Erfahrung, für die ich dankbar bin. Sie zeigte mir direkt, wie viel ich eigentlich von anderen zu wissen glaubte. Am meisten jedoch lernte ich über mich selbst. Und das waren die Anstrengungen, Schmerzen und Entsagungen allemal wert.

 

Fortgeschrittene/Profis

Für fortgeschrittene Meditierende ist eine Vipassana-Meditation sicherlich hochinteressant. Vor allem, wenn man genug Zeit mitbringt und mehr als 7 Tage bleibt. Bis zu 21 Tage und länger kann man in diesem Zentrum verbringen. Mal abgesehen von der individuellen Spende, ist diese Zeit ja kostenfrei und darüber hinaus die wahrscheinlich ruhigste Zeit zwischen Alltag und Job.

Am letzten Tag sehe ich doch sehr ausgeglichen aus
Am letzten Tag sehe ich doch sehr ausgeglichen aus

Weitere Infos und Fotos

Einen weiteren sehr interessanten Erfahrungsbericht könnt ihr auf wirelesslife nachlesen.

 

Alle weiteren wichtigen Infos findest du auf der Seite des Internationalen Buddhist Centers:

 

www.fivethousandyears.com


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Kommentare: 1
  • #1

    Luise (Mittwoch, 05 Juni 2019 23:13)

    Sehr interessanter Erfahrungsbericht! Lass es dir gut gehen und fühle dich gedrückt :)