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Erkenntnis durch Delfine

Ich bin erschüttert. Ich bin wütend und enttäuscht. Ich bin mindestens genauso erzürnt wie der Mount Agung, der auf Bali gerade ausbricht. Ich selbst befinde mich noch inmitten meines Roadtrips über diese Insel, der eigentlich eine dreiwöchige Unterbrechung hinter sich hat, da wir die östlich gelegene Nachbarinsel Lombok erkundet haben. Wir hatten genug von Balis Tourismuszentren und waren sehr glücklich auf Lombok. Nach den drei Wochen erfüllte mich jedoch auch ein wenig Vorfreude, wieder mit dem Motorroller durch die Gegend zu heizen und mich dem gefährlichen Verkehrstreiben hinzugeben.

 

Sonnenaufgang mit Delfinen

 

Es kam also dazu, dass wir uns gestern trennten und ich jetzt gerade im Nordwesten Balis unterwegs bin, während Dustin Richtung Süden (Canggu) fährt. Wir werden uns später in Kuta (Denpasar) wiedertreffen. Genug der Vorrede, ich denke, ihr wollt wissen, was mich so wütend macht und mich dazu bringt, solch einen Titel für diesen Beitrag auszusuchen. Es ist nicht nur ein einzelnes Ereignis, das mich so denken lässt, aber das heutige hat mich bisher am meisten schockiert. Ich dachte mir echt nichts Schlimmes dabei, als ich am Lovina Beach ankam und eine frühmorgendliche Tour buchte, um die Delfine vor der Küste zu sehen. Ich belas mich auch ein bisschen im Internet, ob es sich wirklich lohnte. Doch niemand schrieb über das, was da wirklich abging. Somit möchte ich es euch erzählen. Ehrlich gesagt, schäme ich mich dafür, dass ich diesen Trip gemacht habe. Dass ich dafür 9 Euro bezahlt habe. Und allein der Gedanke daran und die Erinnerung an das Geschehen, treiben mir die Tränen in die Augen. Wir starteten auf einem kleinen Auslegerboot, das allgemein sehr verbreitet in Indonesien ist. Es passten gerade so 5 Personen plus Steuermann drauf. Als dann die Sonne aufging, entdeckte ich viele dieser Boote in unserer Nähe und in weiterer Entfernung. Übrigens war der Sonnenaufgang mit das Schönste an diesem Abenteuer.

 

kräftige Farben, grelles Leuchten beim Sonnenaufgang an diesem wundervollen Morgen in Bali
kräftige Farben, grelles Leuchten beim Sonnenaufgang an diesem wundervollen Morgen in Bali

Blankes Entsetzen

 

Jedenfalls waren das viele Boote. Zu viele Boote! Ich schätze die Anzahl auf an die 30 bis 40 Boote. Ich merkte schnell, dass in meinem Kopf viele Gedanken um das ganze Geschehen kreisten. Gedanken, Fragen, Erkenntnisse – das war überhaupt kein Vergnügen! Wie konnten Menschen so skrupellos sein und einer Gruppe Delfine hinterherjagen, nur um ihnen so nah wie möglich zu sein? Manche idiotischen Steuermänner fuhren direkt in die Gruppe, sodass diese direkt abtauchte und keine Rückenflosse aus dem Wasser schaute. Dumm! Unsensibel! Traurig! Die lauten Motoren der 30 Boote schreckten die sensiblen Tiere doch sowieso auf. Zwischenzeitlich wollte ich einfach nur zurück. Es war ein Grauen, jedes Mal, wenn die Motoren aufheulten, weil links oder rechts ein paar der Delfine auftauchten. Hätte jemand dieses Treiben von Weitem betrachtet, hätte er wahrscheinlich jeglichen Glauben in die Menschen verloren.

 

Der Gipfel an Maßlosigkeit

 

Ich jedenfalls verstand so Vieles. So viel Trauriges, das eigentlich schon längst auf der Hand lag: Bali ist größtenteils eine sehr große Enttäuschung für mich. Ein Ort, an dem Menschen, die dort wohnen, ihre Heimat so verändern, dass sie den Menschen gefällt, die tonnenweise Geld ausgeben, um das zu sehen, was sie sehen wollen. Geld regiert die Welt. Der Tourismus ist da mit eingeschlossen. Es erinnert mich an das Fernsehen, wenn hirnlose Sendungen wie Germany‘s next Topmodel laufen – es wird ALLES getan, damit die Oberflächlichkeit perfekt wird. In Bali geht es schon lange nicht mehr um das wahre Indonesien. Ich bin mir sicher, dass viele, die von Bali gehört haben, noch nicht einmal wissen, dass diese Insel zu Indonesien gehört. In Bali wird alles Ursprüngliche zerstört, wofür die Locals eigentlich kämpfen sollten. Weil es Geld verspricht. Es ist nicht überall auf der Insel so, das muss ich betonen. Aber allein diese Zweiteilung ist der Beweis für die Macht des Geldes. Im Nordwesten und Westen Balis findet man keinen einzigen Touristen. Alles wirkt wie ausgewechselt. Keine westlichen Restaurants, kaum Supermärkte, wenig Englisch. Es ist, als wäre man auf einer anderen Insel oder einem anderen Land. Wohingegen Denpasar oder Ubud regelrecht von Touristenmassen überschwemmt werden. Wo es mehr Touristen als Einheimische gibt. Wo es mehr als drei Tattoostudios in jeder Straße gibt. Ich habe bisher nur einen wirklich schönen Strand auf Bali gesehen. Zum Vergleich: Lombok hatte bedeutend schönere Strände auf Lager (mehr als 5 nebeneinander). Und noch eine Sache, die ich grauenhaft finde. Ich musste es aber auch erst selbst erleben: Touristen kommen wegen … der Fotos. Richtig! So wie ich zum Lempuang Tempel im Nordosten wollte, gibt es unzählige Spots auf Bali, die durch Instagram verbreitet werden. Jeder möchte dieses Foto, jeder will ein Selfie mit einer Schildkröte. Jeder will auf einer Schaukel (vor dem Sonnenuntergang) fotografiert werden. Ihr glaubt mir nicht, wie die Menschen dafür Schlange stehen.

Nur einige der 30 bis 40 Boote, die auf Delfin"jagd" waren
Nur einige der 30 bis 40 Boote, die auf Delfin"jagd" waren

Fazit

 

Bali ist nichts für einen Reisenden wie mich - größtenteils. Es ist die offensichtliche Oberflächlichkeit, die sich wie ein Mantel über diese Insel legt. Für Touristen ist er gar nicht sichtbar, weil diese ja genau all das wollen. Aber ich sehe die Lüge, schmecke den Gestank des Geldes in den Abgasen und erkenne in den Blicken der Einheimischen eine Mischung aus Trotz und Unterwerfung.

Ich habe nichts gegen ein gelegentliches westliches Essen oder einen Supermarkt, aber Bali ist bereits am Gipfel der Maßlosigkeit angekommen. Und in meinen Augen ist der Ausbruch des Mount Agung einfach nur die Antwort der Natur, die sagen will, dass es nun reicht. Die Medien berichten, dass der Ausbruch dem Tourismus schadet, ich berichte, dass er Bali ein wenig vom Tourismus befreien könnte, was sich in meinen Ohren bedeutend besser anhört. Ich werde in spätestens zwei Wochen nach Yogyakarta auf Java fliegen und hoffe, dass mich diese Stadt dann endlich mal wieder positiv überrascht.

 

Ich weiß nicht, ob es etwas bringen würde, euch darum zu bitten, keine solche Delfintour zu buchen. Ich denke, es muss jeder selbst wissen oder ausprobieren, wie er sich dabei fühlt und ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Ich habe mich miserabel gefühlt und mir haben die Delfine sehr leid getan. Es ist so viel gehaltvoller, wenn man ein fremdes Land auf eigene Faust erkundet, anstatt mit einer Agentur von Tourismushochburg zu Tourismushochburg zu kutschen und nur die unechte Fassade zu sehen.

 

Aber wenn ich eins bisher erfahren habe, dann dass mich die wahren Locals mit ihrer Art viel glücklicher gemacht haben. Durch diese echten Begegnungen habe ich mehr erlebt und gelernt, als ich mir bisher vorstellen konnte. Ich finde, das macht eine Reise erst so richtig wertvoll.


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