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Mein erster Unfall

Es ist unglaublich, wie schnell sich doch alles wenden kann. Heute früh waren wir (Dustin und ich) noch auf dem Pier angeln. Natürlich vergeblich, wie sollte es anders sein. Wer geht auch in der brütenden Hitze auf ein Pier, ohne Schatten und mit der notdürftigsten Ausrüstung. Ich möchte dabei etwas ganz Besonderes sehr deutlich betonen: Die Ausrüstung bekamen wir ausgeliehen von Thais, die wir einfach fragen wollten, wo man denn Angeln ausleihen konnte. Sie wollten nicht mal Geld oder Pfand für die Angeln. Es fühlte sich so einfach an und war total schön zu sehen, dass Fremden einfach so vertraut wurde. Dass nicht jede Situation sofort zum Geldmachen ausgenutzt wird. Es ging einfach nur darum, anderen in einer „Not“ zu helfen. Karmatechnisch gesehen ist das der wohl reinste Weg, Gutes in die Welt zu senden und somit auch wiederzubekommen. Zumal ich mir sicher bin, dass die Thais nicht erwarten, von irgendjemandem etwas zurückzubekommen. Sie lassen sich einfach überraschen.

 

Weit und breit war gar kein Fisch, geschweige denn ein Fischschwarm zu sehen. Doch es kam uns wahrscheinlich gar nicht auf den Erfolg an. Es zu probieren war einfach eine coole Idee und einen Versuch wert. Wir sind seit dem Fischertrip am Mittwoch immer noch scharf aufs Fische fangen gewesen. Überhaupt nicht betrübt und eher über unsere witzige Idee lachend, fuhren wir zurück, um die Angeln zurückzugeben. Ich entschied mich, den letzten der drei Wasserfälle und einen über 500 Jahre alten Baum anzuschauen. Leider habe ich von dem Baum kein Foto. Das liegt daran, dass er so groß und breit war, dass er nicht so aufs Bild gepasst hat, um überhaupt einen Eindruck davon bekommen zu können. In meinem Vlog über Koh Kut werdet ihr ihn aber betrachten können.

Dustin Does Fishing - leider vergeblich. Aber cool war es trotzdem!
Dustin Does Fishing - leider vergeblich. Aber cool war es trotzdem!
ein wundervolles Armband für umgerechnet 2 Euro. Bezahlt mit Vertrauenskasse.
ein wundervolles Armband für umgerechnet 2 Euro. Bezahlt mit Vertrauenskasse.

Nachmittags kam ich dann mit frischen Mangos, Guaven, einer Ananas sowie einer Frucht an, die ich zum ersten Mal probieren wollte. Die Thai nennen sie Lamyai und sie erinnert mich ein bisschen an Litschis (sie hat in etwa dieselbe Größe). Von außen ist sie sandbraun und kugelrund, innen weiß, irgendwie glitschig, aber das Fruchtfleisch ist fest. Und sie hat einen schwarzen Kern in der Mitte. Sie ist wirklich sehr süß. Ich konnte nicht viele davon essen.

Jedenfalls entschloss ich dann, mal wieder ein wenig Sport zu machen. Ich wollte Klimmzüge, Liegestütze und etwas für die Beine tun. Die ersten beiden Übungen klappten super, doch bei der dritten für die Beine ging etwas schief. Es fühlte sich zuerst so an, als wäre ich auf einen Stein getreten und schief aufgekommen, doch dann spürte ich, dass sich etwas anders anfühlte. Ich schaute an meinem rechten Bein herunter, doch es war nichts zu sehen. Auch das Laufen fühlte sich komisch an, bis ich bemerkte, dass sich meine Wade rechts weich anfühlte. Ich dachte zuerst, eine Sehne wäre gerissen, doch das hätte tausendmal stärker weh getan. Ich spürte fast gar keinen Schmerz. Ja (die liebe Inhaberin vom Café) alarmierte Dustin und ich konnte ihm erklären, was passiert ist. Sie rief ein Taxi und er und jemand Fremdes kümmerten sich um mich, da mir kurz schwarz vor Augen wurde, als der Schmerz zunahm. Ich fand es so rührend, dass Dustin mit dem Moped hinter dem Taxi zum Krankenhaus hinterherfuhr und er sich die ganze Zeit echt toll um mich kümmerte.

 

Dort angekommen wurde ich direkt in einen Miniaturrollstuhl gesetzt (Thais brauchen keine größeren). Schon während ich dort war, bemerkte ich, wie reibungslos alles verlief. Ich musste nicht mal warten, bis sich jemand um mich kümmerte. Mein Blutdruck war bei 100/40 und so fühlte ich mich auch. Ich fragte im Halbtaumel, ob es hier Bananen gebe. Und es war so süß, wie der Taxifahrer losrannte, um mir Bananen zu besorgen. Das war ein unglaublich berührender Moment, ich fühlte mich so geborgen und sicher an diesem Ort, dass ich die pure Liebe durch meinen Körper fließen spürte. Alle waren herzlich und offen und bemühten sich mich zu verstehen und mir zu helfen. Nachdem der Arzt meinte, es wäre eine Art Muskelzerrung oder Muskelfaserriss, brachten mir die Schwestern Krücken, richtig altmodische Krücken aus Holz. Auch diese waren eigentlich für Thais bestimmt und dementsprechend konnte man sie nicht wirklich auf meine Länge einstellen. Aber bis jetzt komme ich ganz gut damit klar. Sieht bestimmt ein bisschen aus wie Quasimodo, wenn ich so geduckt umherstolpere.

Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, ging es mir gar nicht schlecht. Die Schmerzen drückten in meiner Wade und wurden stärker, aber ich grinste und war glücklich. Ich muss echt sagen, ich war in dem Moment wirklich glücklich, dass mir das passiert ist. Ich fühlte zu keinem Zeitpunkt Angst, dass ich nicht richtig versorgt werden könnte oder ähnliches. Ich war froh, dass es kein Sehnenriss war und hoffe, dass die Heilung nicht allzu lange dauert.

 

Das ganze Prozedere mit Taxi über die halbe Insel, Behandlung und Medikamenten haben mich übrigens gerade mal 24 Euro gekostet. Und ich glaube, die Bananen waren umsonst. Dieser Unfall ist die bisher größte Verletzung, die ich in meinem Leben hatte und ich kann sagen, dass ich froh bin, dass es mir hier passiert ist. Wer kann schon behaupten, dass er einen Krankenhausaufenthalt sehr genossen und sich dabei total mit Liebe und Glück ausgefüllt gefühlt hat? 


Der Taxifahrer stellt meine Krücken ein.
Der Taxifahrer stellt meine Krücken ein.

Nun muss ich wieder mit einer neuen Situation klarkommen: Dass ich Hilfe von anderen benötige, die mir helfen müssen, weil ich nicht alles alleine schaffe. Ich bin echt ungern in so einer Situation, um ehrlich zu sein, fühle ich mich richtig unwohl, als würde ich andere Menschen ausnutzen. Doch nun muss ich mich damit abfinden und lernen, Hilfe von anderen (und auch Fremden) anzunehmen und dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Dabei spielt der Gedanke eine große Rolle, dass sie es gern tun, denn sie wollen auch Hilfe bekommen, wenn sie mal in derselben Situation sind. Das ist so eine gesunde Einstellung und auch, wenn es mich nicht betreffen würde, würde es mein Herz berühren. Denn immerhin sind Ja und Dustin im Grunde Personen, die ich vor ein paar Tagen das erste Mal getroffen habe, genauso wie die Thais, die uns die Angeln gaben. Im Leben geht es nicht nur um Vertrauen in Freunde, Familie und Bekannte sondern – und das ist mir besonders durch meine Reise durch Thailand bewusst geworden – um das Vertrauen in das Gute im Menschen. Auf dieser Insel wächst keiner mit der Angst auf, dass das Motorrad geklaut werden könnte, man lässt den Schlüssel einfach stecken. Man wächst nicht mit der Angst auf, die Sachen könnten weg sein, wenn man vom Schwimmen zurückkommt. Wenn man also gar nicht erst lernt, was alles geklaut werden könnte, kommt man auch nicht auf die Idee es zu tun. Das ist natürlich auf dieser Insel besonders positiv ausgeprägt, aber nach vielen Gesprächen mit Menschen aus aller Welt (und vielen Deutschen) kann ich bestätigen, dass sie alle derselben Meinung sind: Deutschland könnte sich in einigen Bereichen schon eine dicke Scheibe abschneiden.

So wie ich den Text hier schreibe, sitze ich entspannt im Café, werde vom Eve's House mit lauter elektronischer Musik beschallt. Mein rechter Unterschenkel ist in eine Bandage gewickelt und bis gerade eben wurde er von Eis gekühlt. Ich bin gespannt, was mir morgen so alles passiert. Ich nehme mir auf jeden Fall vor, den Vlog über Koh Mak fertigzustellen. Bleibt dran und lasst mir doch einen lieben Kommentar da.

 

Euer Martin

 

P.S.: Ich bin heute, das hätte ich fast vergessen, vom Schlafsaal von Eve's House ins Café gezogen, in ein privates Zimmer, das mir Jah angeboten hat, weil ich ihr eigentlich etwas helfen wollte. Dadurch spare ich 2 Nächte und kann dabei noch etwas Gutes tun. Ich hoffe zumindest, dass ich nun, nachdem ich mich selbst so verstümmelt habe, noch irgendwie helfen kann. Morgen schenken wir Ja eine Thai-Massage, da sie über Rückenschmerzen klagt. Sie tut so viel für uns, kocht abends und bietet uns kostenlose Schlafplätze an, sodass Dustin und ich dachten, sie hätte mal eine kleine Auszeit verdient. Es ist einfach so schön, einer so wundervollen Person wie ihr helfen zu können.


Weitere Themen

Hier könnt ihr mal in Dustins Blog über seine Reise reinlesen,

Achtung, alles auf Englisch!

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Kommentare: 2
  • #1

    Stefan (Sonntag, 25 Februar 2018 01:06)

    Ich habe grade die letzten drei Blogs nachgeholt und es macht so viel Spaß dich so bei deiner Reise oder besser, beim leben zu begleiten! :) ich vermisse dich schon ein bisschen und da tut das echt gut! Ich bin gespannt auf den Vlog und du hast die Sache mit dem "klauen lernen" treffend beschrieben. Schauen die Menschen dort viel TV oder Filme/Serien? Habe in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, dass viele Ängste und Vorurteile daraus hervor gehen. Kannst du ja mal in Erfahrung bringen! Ich wette, die Menschen dort haben besseres zu tun, als sich sowas reinzuziehen?
    schnelle Genesung, weiterhin viele tolle Abenteuer und vorallem so aufregende, witzige, süße und nette neue Bekanntschaften! Dein Bruder!
    PS: richtig geile Fotos!!! <3

  • #2

    Jana (Sonntag, 25 Februar 2018 17:27)

    Hallo Martin,
    dein Bruder hat alles gesagt. Wir verfolgen immer alles ganz genau, sind sehr neugierig und freuen uns über jedes Bild oder Video. Werde bald wieder schön gesund, denn in ein paar Tagen geht es weiter mit deiner Reise. Wir drücken dir die Daumen ganz stark und denken an dich.
    Andreas und Mama :)