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Der naive Farang und der verrückte Thai

Während ich diesen Text hier schreibe, befinde ich mich auf der Fahrt von Lamnarai nach Bangkok. Es ist Donnerstagnachmittag und die Luft, die von unermüdlichen Sonnenstrahlen erhitzt wird, steht und lässt keinen Windhauch zu. Meine Gefühle sind gemischt, glücklich und angespannt, auch etwas neben der Spur. Um genau zu sein, bin ich ziemlich verwirrt. Um euch diese Situation zu erklären, muss ich jedoch von vorn anfangen.

Über Couchsurfers habe ich mich mit einem Thai verabredet, der mich eine Woche als Gast aufnehmen wollte. Er heißt Sarakom (man spricht es Salakom), ist 35 Jahre alt und hat portugiesische Wurzeln. Er wohnt in Lamnarai, einer Kleinstadt rund 200km nördlich von Bangkok. Früher hatte er eine Band, in der er der Sänger war. Seine Eltern hatten vor einiger Zeit ein Kosmetikgeschäft und sind, meines Erachtens nach, dadurch recht wohlhabende Leute. Zu seinem Zuhause gehören ein zweistöckiges Haus, 3 Motorroller, ein kleiner süßer Hund sowie der wohl dickste Beagle, den ich je gesehen habe.

Mit dem Motorroller die Umgebung erkunden
Mit dem Motorroller die Umgebung erkunden

Ich habe bereits damals schon angemerkt, dass ich etwas skeptisch war, da er angab, schwul zu sein. Ich wollte aber keine Vorurteile haben und ihm als Mensch eine Chance geben und so wie er war, war er auch ein toller Gastgeber. Vielleicht war er sogar einer der besten Gastgeber, die ich bisher in meinem Leben hatte. Zum Beispiel bereitete er mir durch Bilder und genaue Erklärungen den Weg von Bangkok nach Lamnarai (seiner Heimatstadt) vor. Ich wusste durch ihn genau, an welchem Schalter ich das Ticket für den Bus kaufen musste und wo ich auszusteigen hatte. Sogar Texte für die Busangestellten hat er mir vorbereitet, damit auch diese wussten, wohin ich möchte.


Ich kam am Sonntagabend bei ihm an, da hat er mich mit dem Motorroller abgeholt und wir sind auch direkt nach dem Abladen meines Rucksacks zu seiner Mum gefahren, die an einer großen Straße sehr leckeres Essen verkauft. Ich habe schnell das ein oder andere Wort Thai gelernt. Mit das wichtigste war Farang (gesprochen Falang) und bedeutet so viel wie „Fremder“. Ich war der Farang, das Weißbrot unter all den Thais. Mir ist aufgefallen, dass ich persönlich immer ein unangenehmes Gefühl hatte, wenn alle Thais geredet und gelacht haben und ich davon nichts verstand. Manchmal fühlte es sich an, als würden sie über mich reden, aber ich versuchte mich daran zu gewöhnen und mir vor allem nicht einzubilden, sie würden Witze über mich machen.

 

Am ersten Abend saßen wir noch in seinem Zimmer und er erklärte mir, dass es im Thai für jede Silbe 5 verschiedene Betonungen gibt, von denen ich mindestens zwei allein vom Hören gar nicht richtig unterscheiden konnte. Durch diese unterschiedlichen Betonungen kann es schnell passieren, dass aus einem gut gemeinten „hübsch“ ein „unglücklich“ wird.


Ich habe nicht gemessen, aber dieser Buddha war mit Sicherheit 40 bis 50 Meter hoch
Ich habe nicht gemessen, aber dieser Buddha war mit Sicherheit 40 bis 50 Meter hoch

 Schon in derselben Nacht wurde ich von ihm „getestet“. Ich verbrachte die Nacht neben seinem Bett auf dem Boden. Übrigens eine angenehmere Art zu schlafen als ich anfangs angenommen hatte, nur meine Oberschenkelknochen waren das nicht gewohnt. Ich wachte durch sein Stupsen an meiner Schulter auf. Er meinte, ich hätte im Schlaf geredet. Im folgenden kurzen Gespräch kam er dann auf intime Angebote zu sprechen. Allein, wie direkt er mich danach fragte, war erschreckend und holte mich in die Realität zurück. Der schlaue Leser fragt sich jetzt sicherlich, warum ich überhaupt bei einem Schwulen im selben Zimmer schlief. Auf jeden Fall nicht freiwillig! Er gab mir zu verstehen, dass im Raum, der eigentlich für mich bestimmt war, seine Tante schlafen würde, die oft sehr spät in der Nacht nur zum Schlafen vorbeikam. Ich habe sie auch nie gesehen. Aber bevor der schlaue Leser jetzt denkt, dass das doch ganz offensichtlich eine Lüge war, muss man bedenken, dass wir uns beide auf Englisch, einer Nicht-Muttersprache unterhalten haben. Es kommt oft zu Missverständnissen und komischen Situationen dadurch. Natürlich hatte ich selbst das Gefühl, dass er sich diese Geschichte ausgedacht hat, damit er vielleicht nicht alleine schlafen muss oder um mir unanständige Angebote machen zu können. Ich kann ihm aber als höflicher Gast nicht direkt am ersten Tag unterstellen, dass er mich anlügt. Vielleicht war ich in der Hinsicht naiv oder gutgläubig, doch genauso gut kann ich behaupten, dass ich über gute Menschenkenntnis verfüge und ich wusste von Anfang an, dass er niemandem ernsthaft etwas antun könnte. Ich erklärte ihm meine Meinung, meinen Standpunkt zu dieser Sache, die er mir da anbot, und er akzeptierte dies ... zum Glück. Etwas verunsichert schlief ich weiter.

Unser Frühstück waren jeden Tag Minipizzen und Schwarztee
Unser Frühstück waren jeden Tag Minipizzen und Schwarztee

Immer noch leicht verwirrt von diesem Erlebnis hatten wir an den folgenden Tagen viele tolle Unternehmungen im Programm. Immer ging es mit dem Motorroller (ohne Helm) an die verschiedensten Orte. Das erste Mal über Landstraße einfach drauf los, bis wir einen Tempel erreichten, an dem wir den Sonnenuntergang genossen. Am schönsten empfinde ich bei Sonnenuntergängen in Südostasien, dass die Sonne sich oft in immer tieferes Rot färbt, je tiefer sie steht. Meistens kann man sie, kurz bevor sie verschwindet, direkt anschauen, ohne geblendet zu werden. Wie ein wahrhaftiger Feuerball, der für mich immer unvorstellbar riesig bleiben wird.


Wir waren im Café Amazon für einen Erdbeer-Frappé mit weißen Cookie-Stückchen (sehr lecker!), haben im 7/11 Süßigkeiten gekauft (z.B. einen gefrosteten pinken Minikuchen in Form einer Blume) und Street Food gegessen, haben einen Sportplatz für ein paar Klimmzüge aufgesucht und sind zuletzt zu einem seiner besten Freunde gefahren, einem Ladyboy. Bei dieser besonderen Gattung Mensch fällt es schwer, das wirkliche Geschlecht auszumachen. Ich konnte jedenfalls nicht sagen, ob er/sie eine Frau oder ein Mann war. Das Gesicht, die Stimme, die Bewegungen – alles war doppelgeschlechtlich. Er/Sie war auf jeden Fall sehr nett, wollte ein paar Dinge über mich wissen und Sarakom hat eine Weile mit ihm/ihr geredet, während ich eine thailändische Cola ausschlürfte. Nach dieser Begegnung näherte sich der zweite Abend dem Ende.


Der dritte Tag hat für Sarakom eine besondere Herausforderung dargestellt, doch mir zuliebe entschied er sich dafür, an einen Wasserfall zu fahren, an den er seit 10 Jahren nicht mehr gefahren war. Er war total glücklich und freute sich über den Anblick und das Gefühl, an so einem magisch schönen Ort sein zu dürfen. Ich freute mich über sein Lächeln, über die pure Schönheit der Natur an diesem Ort und auch darüber, dass ich an diesem Ort das erste Mal Papayasalat probierte und das erste Mal aus einer echten Kokosnuss trank. Ich kann beides nur wärmstens empfehlen! Ich habe ganz vergessen zu erzählen, dass ich ihm vormittags Paracord gezeigt habe. Er kannte es bereits und hat sich schon immer ein Armband gewünscht. Seit diesem Tag war er also stolzer Besitzer eines selbstgemachten Paracord-Armbands und eines Schlüsselanhängers für sich, seine Ma und seinen Ladyboy-Freund.

 

Am vierten Tag (Valentinstag 2018) kamen Handwerker, die seine noble Klimaanlage säuberten. Danach habe ich ihn überredet, sein Zimmer doch gleich mal zu entmisten. Bei dieser Aktion sind 2 große Tüten Müll herausgekommen und eindeutig mehr Platz in seinem Zimmer. Nach diesem Tag werde ich nie wieder vergessen, dass Staubsauger auf Englisch „vacuum cleaner“ heißt. Nachmittags sind wir, als die Sonne etwas tiefer stand, noch mit dem Motorroller los. Sarakom sagte mir aber nicht, wohin es ging. Die Überraschung war umso heftiger: Wir erreichten einen wundervoll geformten Berg, an dem sich ein Tempel und ein gigantischer weißer Buddha befanden. Dazu kam, dass genau in dem Moment, als wir ankamen, die Sonne unterging. Und um das Ganze zu toppen, war genau vor dem Berg ein Waldbrand in Gange (ich habe zuvor noch nie einen gesehen). Diese Komposition hat mich tief beeindruckt und ein besonderes Gefühl der Ehrfurcht vor dieser Naturgewalt (Feuer) hinterlassen.

Am Fuße des besagten Berges
Am Fuße des besagten Berges

Ich habe Sarakoms Heim vorzeitig verlassen, weil ich mich aufgrund des ersten nächtlichen „Vorfalls“ und eines weiteren, 2 Nächte später, nicht mehr komplett wohlfühlen und ihm vertrauen konnte. Ich bin wirklich traurig darüber, denn an sich war es mit ihm eine prägende Zeit gewesen, er hat sich um so viel gekümmert und sich bemüht. Nun ja, so kommt es manchmal. Ich bin froh, dass ich bei meiner Entscheidung geblieben bin, eher zu fahren, auch wenn mein Herz etwas traurig ist, dass ich mit ihm nicht noch 2 weitere, mit schönen Erinnerungen gefüllte Tage verbringen konnte. 

Nun bin ich gleich zurück in Bangkok, aber nur bis morgen, denn dann geht es für mich auf die östlich gelegene Insel Koh Mak, auf der ich in einem Hostel die Tage verbringe, die ich nun zusätzlich habe. Am Montag will ich dann auf die Nachbarinsel Koh Kut. Dort habe ich bereits ein Hostel für eine Woche gebucht. Ich freue mich sehr und hoffe, endlich das Meer zu sehen, schnorcheln zu können und mit dem Roller allein die Insel zu erkunden.

Meine Reiseroute für die nächsten eineinhalb Wochen - Bangkok, Koh Mak, Koh Kut
Meine Reiseroute für die nächsten eineinhalb Wochen - Bangkok, Koh Mak, Koh Kut

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Kommentare: 4
  • #1

    Lutz mit Rita (Donnerstag, 15 Februar 2018 19:39)

    Kommt mir alles ziemlich bekannt vor.Papayasalat Medium Hotel ist echt super.Wir beneiden dich für deinen Aufenthalt auf den beiden Trauminseln...und solltest du von Leng nob mit der Fähre nach Ko Chang und von Bang Bao(schwimmendes Dorf) an der Südspitze zu den Inseln reisen...dann liebe Grüße. Von uns...wir kommen wieder.Übrigends, an der nördlichen WhiteSand Beach von ko Chang sind junge Leute aus aller Welt anzutreffen.Diese haben super Zimmer im Fels.alles gute und glG von Lutz mit Rita

  • #2

    Stefan (Freitag, 16 Februar 2018 00:29)

    Wie kommst du denn von Bangkok zu den anderen Orten? Mit einem verrückten Zug oder einem klapprigen Bus? :)

  • #3

    Lui (Freitag, 16 Februar 2018 13:13)

    Hola die Waldfee- was für erlebnisreiche Tage für dich!
    Super schöne Bilder! Ich bin gespannt, was du als nächstes erlebst!
    Hab viel Spaß und folge immer deinem Herzen!

  • #4

    Gregor (Montag, 19 Februar 2018 22:23)

    Hi, wow, schön zu lesen, was Du bereits so erlebt hast.
    Echt schön, dass alles so zu lesen, vorallem, wie Du uns es näher bringst.

    Ich bin gespannnt, wie es weitergeht.