· 

Die Leichtigkeit des Seins

„Wenn wir die Zweifel abschütteln, sind wir imstande zu fliegen.“ – Martin Bremer

 

Endlich wieder eine Lebensgeschichte – ich freue mich selbst so sehr darüber, dass ich direkt damit anfangen möchte.

Es geschah alles so schleichend, so langsam kamen immer mehr Dinge dazu, die meine ganze Situation unerträglich machten. Die Arbeit mit Uber, bei der ich den ganzen Nachmittag und Abend Essen ausliefere, habe ich anfangs als körperliche Herausforderung gesehen. Ich wollte schnell sein, ich wollte lange arbeiten, ich wollte viel Geld machen. Ich wusste, es wäre alles für meine Zukunft nächstes Jahr. Ich konnte trotz meiner schwachen Wade sogar lange arbeiten und mit rasender Geschwindigkeit durch die Stadt jagen. Ab und zu gab es körperliche Beschwerden, bei denen ich dann direkt vorsichtiger wurde, damit es nicht schlimmer wurde. Denn lieber einen Abend kürzertreten, als für lange Zeit gar nicht arbeiten zu können. Doch neben der körperlichen Beanspruchung war die ganze Zeit auch etwas anderes aktiv – der Zweifler in meinem Kopf. Es gab eine Woche, in der machte ich extrem viel Geld. Der Montag nach dieser Woche war der schlechteste seit jeher. Und am Samstag war auch noch mein Hinterrad kaputtgegangen, das ich für 100$ reparieren lassen musste. Direkt befiel mich die Angst:

„Was, wenn ich nicht genug Geld mache, damit ich später weiterreisen kann? Was, wenn die nächste Woche noch schlechter wird? Was, wenn noch mehr Reparaturen meines Fahrrads auf mich zukommen? Wie soll ich nur meinen Plan einhalten können, wenn immer mehr Fahrer in der Stadt sind und mir die Arbeit wegnehmen? Die sind doch eh viel langsamer. Und welches unfaire System sucht eigentlich immer aus, wer eine Fahrt bekommt und wer nicht?“

Ich glaube, viele von euch kennen diesen Zweifler und wenn wir wirklich ehrlich zu uns selbst sind, bombardiert er uns öfter mit solchen Fragen, als uns lieb ist. Es wurde alles noch schlimmer, als der Dienstag genauso schlecht ausfiel. Ich beschwerte mich die ganze Zeit bei meinem Freund Alex, der auch für Uber fuhr. Er tat es mir gleich. Am Morgen hatte ich mich noch mit einem neuen Spiel auf meinem Smartphone abgelenkt und von Lasse den Kommentar ertragen müssen, ich könnte die Zeit auch sinnvoller nutzen und ein Buch lesen. So einen Kommentar wollte mein gestresster Kopf nicht hören. Jetzt saß ich in der Stadt und bekam wieder keine Aufträge zum Ausliefern. Mein Kopf rechnete die schlimmsten Prognosen durch und die Angst übermannte mich erneut. Der Zweifler in meinem Kopf versuchte die ganze Zeit Gründe für diese Situation zu finden. Er wollte Erklärungen haben, wieso es so schlecht lief. Und wenn es keine gab, hat er sich trotzdem irgendetwas zusammengereimt.

Als dann der Mittwoch genauso schlecht lief wie die vorherigen zwei Tage, war ich komplett mit den Nerven am Ende. Ich fuhr gar nicht mehr aus Freude, denn mein Kopf war voll mit Möglichkeiten einen anderen Job zu finden. Auf der Suche nach anderen Möglichkeiten Geld zu machen. All das endete erst, als ich Lasses Buch auf dem Regal liegen sah – SHIT YOUR EGO SAYS. Und mit dem Aufschlagen der ersten Seite war alles, was mich vorher so schwer machte und runterzog, einfach losgelöst.

 



Ich wusste nicht mal so recht etwas mit dem Titel anzufangen (und es dauerte mindestens 50 Seiten, bis ich verstand, wie er genau gemeint war). Das Buch war auf Englisch, und ich habe noch nicht viele englische Bücher in meinem Leben gelesen. Aber die Sätze verstand ich echt gut und sie berührten mich. Die Art, wie der Autor manche Vergleiche fand, waren so gut, dass ich ständig das Kribbeln von Gänsehaut spürte. Ich wusste nicht, wie mir geschah, doch alles änderte sich. Mit jedem Satz, den ich verschlang, öffneten sich die Türen weiter, die sich durch die Angst und den Druck, den ich mir selber gemacht hatte, und alles, was mich runterdrückte, flog davon. Eigentlich las ich nur, was ich eh schon alles wusste. Es war so toll zu sehen, dass ich so weit gekommen war und mich in seinen Worten verstanden fühlte. Ich fühlte mich geborgen und auf dem richtigen Weg. Doch darüber hinaus gaben mir seine Worte so viel Motivation, Inspiration und Seelenkraft, dass ich einfach mehrmals vor Freude und Glück Tränen auf meinen Wangen spürte. Es war, als wäre ich mit all dem Wissen hinter Gitterstäben gefangen gewesen. Ich wusste all das, doch setzte es nicht in die Tat um. Das Gitter war dazwischen. Seine Worte rissen jede einzelne Stange des Gefängnisses heraus und mein Wissen wurde freigelassen und konnte endlich agieren. Es folgten die drei besten Tage Arbeit, die ich bisher hatte und ich glaube nicht daran, dass das nur ein Zufall war. Ich glaube daran, dass die Einstellung, die wir zu uns selbst haben, entscheidet, was in der Außenwelt passiert. Und ich habe mit einem Mal einfach aufgehört mich zu beschweren. Ich fokussierte mich auf den Moment, jeden einzelnen Tag. Und wenn ich arbeiten war, schaute ich nicht auf die Uhr, wie lange ich schon auf eine Essenslieferung wartete. Ich las das Buch weiter, doch mir blieb gar nicht viel Zeit, weil auf einmal ein Auftrag nach dem anderen klingelte. Ich fuhr nicht mehr so schnell wie nur möglich, doch immer noch so schnell, dass das Essen frisch und heiß beim Kunden ankam. Ich sah meine Arbeit nicht mehr als Muss, sondern als Service. Ein Dienst, den die Menschen schätzen. In jedem Kunden sah ich mich selbst und freute mich, dass das Essen ankam – schnell und warm und mit einem freundlichen Lächeln des Kuriers. Ich hatte keine Angst mehr, nicht genug Geld zu verdienen, denn auf einmal vertraute ich meinem Leben. Egal, was kommen würde, es wäre das Beste für mich, auch mit weniger Geld auf dem Konto als geplant. Ich hatte wieder einen Traum, tief in mir drin: Ich wollte noch mehr Porträts sammeln und die Chance auf eine Ausstellung in Kuala Lumpur erarbeiten. Ich wagte es zu träumen, auch wenn es mir Angst bereitete. Doch durch die Worte des Autors verstand ich, dass diese Angst einfach nur bedeutete, dass ich auf dem richtigen Weg war. Wenn uns unsere Träume keine Angst machen, sind sie nicht groß genug! Ich fühlte so viel Motivation und Kreativität, dass ich mich an ein neues Kinderbuch setzte und wenn mir beim Fahrradfahren Ideen einfielen, schrieb ich diese direkt auf. Ich hatte so viel Inspiration und Tatenkraft, dass ich mich dazu entschied, Chinesisch zu lernen. Und nach drei Tagen und einer heruntergeladenen App hatte ich mich selbst überrascht. Ich fand mein Talent, Sprachen zu lernen, von dem ich niemals gedacht hätte, dass ich es habe. Doch das System, wie Chinesisch funktioniert, faszinierte mich einfach unheimlich und mit Elaine und anderen chinesischen Reisenden im Hostel kann ich auch immer praktisch lernen. All das, was ich jetzt aufgezählt habe, passierte übrigens innerhalb von drei Tagen.

 

Ich könnte euch noch so viel mehr beschreiben, was ich in dem Buch entdeckt habe. Es könnte euch genauso wie mich wie eine Rakete ins All der Möglichkeiten befördern oder aber einfach nur langweilen. Ich überlasse die Entscheidung jedem selbst und zwinge niemanden zu einem Kauf. Wir sind alle an einem anderen Punkt unserer persönlichen Entwicklung, deshalb erwarte ich nicht zu viel. Ich möchte euch einfach schildern, welchen Einfluss ein Buch auf mich hatte, das genau im richtigen Moment in dem Regal lag und mir von einem auf den nächsten Tag in so vielerlei Hinsicht die Augen öffnete. Ich wünsche euch auf eurem Weg all den Mut und die Kraft, nicht aufzugeben. Und wer das Gefühl hat, in seiner Entwicklung festzustecken, der kann ja wenigstens mal schauen, ob ihn der Titel des Buches überzeugen kann. Auf Englisch heißt es: SHIT YOUR EGO SAYS. Es ist geschrieben von James McCrae. Auch, wenn ich sonst keine Werbung für etwas mache, auf Deutsch findet ihr es zum Beispiel auf Amazon:


Wie gern wünsche ich mir wieder den ein oder anderen Kommentar. Gerade zu diesem Thema, oder ob sich jemand dazu entscheidet, dieses Buch zu kaufen. Schreibt einfach auf Thailändisch oder Englisch, das macht keinen Unterschied.

Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir doch direkt. Vielen Dank fürs Lesen und euer Interesse an meinen erlebten Geschichten. Ich wünsche euch alles Gute und bis bald!

 

Euer Martin


Weitere Themen


oder eine lustige Kurzgeschichte

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Jana (Sonntag, 02 Dezember 2018 11:35)

    Hallo mein lieber Martin,
    soooo schön, wieder von dir zu lesen und noch schöner...sowas Positives. :) Ich habe mich beim Lesen gefreut, gegrinst, gestaunt (was du alles so vorhast und machst, neues Buch , chinesich...wow) und auch geweint. Ich freue mich so, dass du auf dem richtigen Weg bist.
    Das Buch auf deutsch werde ich unbedingt lesen. Danke.
    Ich drücke dich,
    deine Mama