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Warum mich am letzten Schultag die Vergangenheit einholte

Heute, am 20. Dezember 2017, war unser letzter Schultag. Wir haben das Niedersorbische Gymnasium besucht, da dort verschiedene Projekte vorbereitet wurden, die unseren Schülern angeboten wurden. Mir hat es sehr gefallen, aber was mich noch viel mehr bewegt hat, war das Wiedersehen mit einigen meiner alten Lehrer. Denn ich selbst war Schüler an diesem Gymnasium für sieben Jahre.

Die Gespräche mit den Lehrern (darunter mein alter Klassenlehrer) waren wirklich schön. Erstaunlicherweise haben sie mich sehr schnell wiedererkannt, trotz Bart und langen Loden. Ich bin sogar extra etwas länger geblieben, um mit ihnen reden zu können. Das machte mir deutlich, dass ich das wirklich wollte.

 

Die Kinder an der Schule zu sehen, wie sie in den Räumen arbeiteten, und über den Schulhof rannten, dazu die bekannten Gesichter der Lehrer, die ja jahrelang viel für mich bedeutet haben, zogen mich zurück in meine eigene Schulzeit. Ich verbinde mit meiner Zeit am NSG leider wenig positive Erlebnisse und Erinnerungen. So spürte ich einen Anflug von Melancholie und Traurigkeit. Zum einen freute ich mich, an diese Schule gegangen zu sein, die immer noch genauso wunderschön ist. Mit all den Lehrern, die immer noch Wert auf Unterricht setzen, der den Kindern Spaß und Begeisterung bringt. Es war schön zu sehen, wie viel selbst nach neun Jahren noch gleich geblieben war.

Zum anderen fühlte ich mich, wie auch damals schon - wie ein Außenstehender, mit einem Fuß im Geschehen, mit dem anderen weit außen. Als würde ich einen Film schauen, den ich nur ganz leicht beeinflussen konnte. So fühlte ich mich schon damals als Schüler. Langsam klärt sich dieser Nebel, der über dieser Zeit liegt und ich verstehe, dass viele Einflüsse dazu führten, dass ich nicht imstande war einzugreifen. Nun ist das vergangen und unwiderruflich.

Übrig bleibt also der Wunsch, all das nochmal erleben zu können. Nochmal aktiv dabei zu sein. Ein Schüler zu sein, der wirklich im Schulleben eingebunden ist und nicht direkt nach Schulschluss zur Haltestelle eilt und traurig ist, dass er keinen hat.

 

Warum schreibe ich so etwas auf und veröffentliche es auch noch? Ich denke, ich habe mir selbst sehr lange nicht eingestanden, dass die Vergangenheit das ist, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Dass unsere Kindheit geprägt ist von Dingen, die wir verdrängen, weil wir uns als Kind gar nicht anders zu helfen wussten. Wir suchen immer einen Weg, mit Schmerzen, Trauer, Wut oder anderen schwierigen Gefühlen umzugehen und entscheiden uns für das uns am besten Erscheinende. Zusätzlich beeinflussen unsere Eltern uns in unserer Kindheit so stark in so vielen Aspekten, dass wir viele Probleme, die wir als Erwachsene haben, nicht verstehen und demzufolge auch nicht lösen können. Manchmal rennen wir auch einfach davor weg.

Ich möchte also hiermit ein Beispiel geben für so eine festgefahrene Gefühlslage, die sich in meiner Kindheit manifestiert hat. Ohne nochmal darüber nachzudenken, war ich einfach sehr froh, als ich mein Abitur in der Hand hatte und wollte weg von diesem Ort und den Menschen, die mir eigentlich gar nichts getan hatten. Es hat sich durch irgendwelche Entscheidungen eben so ergeben. Jetzt, wenn wir erwachsen sind, können wir solche Erlebnisse noch einmal hervorkramen und uns fragen, was genau damals eigentlich passiert ist. Ob es wirklich so schlimm war. Und was genau diese Situation verursacht hat.

 

Viele Einstellungen, die wir vertreten, sind gar nicht unsere. Viele Gefühle, die wir fühlen, entstehen gar nicht in uns. Und viel zu oft hören wir nicht auf das, was unser Inneres zu sagen hat.

Wenn wir innehalten, unseren Schritt verlangsamen und auf uns selbst schauen, entdecken wir vielleicht die ein oder andere Einstellung, die wir über Bord werfen können. Wir müssen in dieser schnellen Zeit einfach nur mal stehenbleiben und unserer Vergangenheit die Chance geben uns einzuholen.

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Kommentare: 2
  • #1

    GreatLake (Mittwoch, 20 Dezember 2017 19:45)

    Das was du hier schreibst, spricht bestimmt vielen aus der Seele. Sei stolz darauf, wer du jetzt bist und hilf den Menschen um dich herum, die gleiche Stärke zu entwickeln.

  • #2

    Ireen (Sonntag, 07 Januar 2018 21:35)

    Ich weiß genau, was du meinst bezüglich der Einstellungen. Ich würde mich gerne mit dir austauschen und wissen, was du bei deiner Erinnerung festgestellt hast. Welche Einstellung war so prägend?