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Paracord und Pedicabs

Zwei Pedicabs warten auf Kundschaft (schlechtester Schnappschuss der Welt)
Zwei Pedicabs warten auf Kundschaft (schlechtester Schnappschuss der Welt)

Es tut mir ziemlich leid, dass in letzter Zeit so wenig Beiträge erscheinen. Seit ich in Australien bin, will ich Arbeit finden und Geld machen. Seit ich in Cairns bin, klappt das auch ganz gut. Im letzten Beitrag habe ich ja schon von den Pedicabs erzählt. Nun habe ich diesen Job schon einige Wochen durchgehalten. Wenn man bedenkt, dass ich vor einem halben Jahr eine große Verletzung an der rechten Achillessehne hatte, ist es echt erstaunlich, dass ich bei diesem Job so gut mithalten kann. In diesem Beitrag möchte ich nochmal genauer auf diese Tätigkeit eingehen und auch von meinem Hobby erzählen – den Paracord Armbändern.

Nach dreieinhalb Wochen und nur wenigen arbeitsfreien Tagen spüre ich meine Beine immer weniger, wenn ich spät nachts nach Hause komme. Am letzten Wochenende waren wir nur zwei Fahrer und das hieß dann eigentlich immer, dass die gut angetrunkenen Fahrgäste ein Rennen zwischen den zwei Fahrradtaxis haben wollten. Habe ich schon erwähnt, dass dieses Pedicab auch ohne drei kräftige Männer auf der Sitzbank schon ordentlich was wiegt und man viel Kraft investieren muss, um es aus dem Stand wieder ins Fahren zu bringen? Ampeln sind der größte Feind eines Pedicab-Fahrers. Wenigstens ist Cairns eine flache Stadt ohne Hügel und Berge.

Was ich an dem Job am meisten mag, sind die Fahrgäste. Es ist unglaublich interessant, wenn ich all die verschiedenen Charaktere und Menschen transportiere. Meistens sind es Männer, die schon ordentlich Alkohol gebechert haben. Aber auch Mädchen oder junge Frauen nehmen manchmal eines unserer Gefährte in Anspruch. Letztens durfte ich dann auf voller Lautstärke Musik von High School Musical anmachen, zu der zwei junge Damen schief, aber glücklich gesungen haben. Fast alle Passagiere nehmen Videos auf, die dann in die Instagram- oder Snapchat-Story gepostet werden. Es kann auch passieren, dass manche überaus viel Trinkgeld geben, auch wenn es nur eine Strecke von 200 Metern ist – anstatt 10$ gibt es dann 50$. Andere wiederum verhandeln vor der Fahrt um jeden Cent. Der Job ist und bleibt total abwechslungsreich. Und das gefällt mir sehr.

 

Wasser ist schlecht fürs Geschäft

 

Es gab vor einer Woche einen verregneten Freitag, was für uns Fahrer sehr ungelegen kam, denn normalerweise ist das der geschäftigste Tag in der Woche. Da gab es eine Art Vorfall mit dem Vermieter der Pedicabs, der uns jede Woche 260$ beziehungsweise 200$ (in der Regenzeit) abknüpft. Reparaturen oder andere Dienste darf man dafür übrigens nicht erwarten. Er macht leere Versprechungen und redet alles schön, damit man sich große Hoffnungen macht. Jedenfalls hat er uns an diesem Freitag recht übel in der Whatsapp-Gruppe beschimpft, als er bemerkte, dass keiner von uns draußen war, bei Regen. Er sagte u.a. es sei ja nur Wasser und man müsse für sein Geld schon etwas tun. Sagt der, der Geld verdient, ohne etwas dafür zu tun. Ich habe ihm daraufhin ehrlich und neutral gesagt, dass er so nicht mit uns umgehen kann und dass ich mich unrecht behandelt fühle, wenn er uns solche Vorwürfe macht. Am Ende hat er uns dann doch noch einen Rabatt wegen des Wetters gegeben, womöglich aber auch nur, weil ich ihm meine Meinung gesagt habe.

Dieser Vorfall hat mir den ganzen Pedicab-Spaß verdorben. All die körperliche Anstrengung, all die witzigen Geschichten mit den verrückten Passagieren und die Gespräche mit den anderen leidenden Pedicab-Fahrern sind gar nicht das Schlimme. Ich finde das alles total toll und konnte mir bis vor kurzem noch vorstellen, das bis Ende des Jahres durchzuhalten. Doch nun ist da immer ein negatives Gefühl, eine moralische Frage. Dass wir so einfältig sind, einen Menschen wie diesen faulen Vermieter zu unterstützen, indem wir diese Dinger wöchentlich bezahlen. Man rackert sich jede Woche ab für ein paar hundert Dollar, die dann für die Miete, Essen und Unterkunft draufgehen, sodass am Ende nicht viel übrigbleibt, außer Muskelkater und die Ungewissheit, ob es nächste Woche besser werden wird.

 

Alte Bekannte, neue Wege

 

Aus diesem Grund habe ich mich nach einem anderen Job umgeschaut und wie es das Schicksal so wollte, hat es mir jemanden gesendet, den ich eigentlich schon kannte. An einem Abend, als wir mit den Pedicabs nämlich auf Kundschaft warteten, kam jemand auf einem Rennrad vorbei (etwas jünger als ich), stoppte und sprach mich mit Namen an. Es dauerte eine Weile, bis ich mich erinnerte, woher ich ihn kannte. Doch dann dämmerte es mir: Das war Alex aus Frankreich. Wir hatten uns nur ganz kurz getroffen. Er war am selben Tag zur Vorstellung bei den Pedicabs gekommen, hatte sich dann aber dagegen entschieden. Stattdessen war er nun Essenlieferant für Uber Eats, was in Australien eine recht große Marke ist (vergleichbar mit Lieferando, nur dass Uber Eats seine eigenen Fahrer hat).

Ich fragte ihn alles, was ich für die Anmeldung bei Uber wissen musste und startete alsbald denselben Job. Ich fand ein günstiges gebrauchtes Rad, bekam von Alex einen der Uber Eats Rucksäcke, mit denen man das Essen transportieren kann und verdiente nach 2 Tagen das erste Geld. Ich bin immer noch fasziniert von der App, die einfach total gut durchdacht ist und sehr überzeugt. Klingt ziemlich verrückt, dass ich nun zwei Jobs habe, bei denen ich Fahrrad fahren muss. Als wenn die Pedicabs noch nicht erschöpfend genug sind, jetzt fahre ich auch noch nachmittags und abends Essen aus. An sich ist es aber die bestmögliche Kombination, da von Montag bis Donnerstag die Nachfrage nach Pedicabs fast bei null liegt, sodass man wochentags nicht mehr als 200$ verdienen kann. So fahre ich Essen von Montag bis Donnerstag und Pedicab am Freitag und Wochenende. Und glaubt mir, das ist wirklich unglaublich kräftezehrend für die Beine und den restlichen Körper. Mein Alltag besteht nur noch aus Fahrrad fahren, essen und schlafen.

 



Pedicab für immer – NICHT!

 

Als nun vor 5 Tagen auch noch eine Fahrerin zurückkam, die 5 Wochen im Urlaub war, hat sich der Job endgültig für mich erledigt. Denn sie ist das Paradebeispiel für Sexismus. Sie nutzt ihre knappe Kleidung, bei der der halbe Po und mindestens dreiviertel ihrer Brüste herausschauen, um Kunden anzulocken. Ich will hier nicht zu viel spekulieren, aber wenn sie 500$ an einem Abend macht, will ich nicht wissen, wo sie manchmal bleibt. Und einen Job, der nur auf so freizügige Art richtig effektiv funktioniert, möchte ich nicht bis Ende Dezember durchziehen.

Nun hat meine letzte Woche begonnen und ich freue mich schon auf den letzten Pedicab-Abend, auch wenn ich die Geschichten von und mit den Fahrgästen vermissen werde. In den 4 Wochen habe ich schon deutlich an Beinmuskeln dazu gewonnen, meine rechte Wade ist allerdings immer noch kleiner als die linke. Insgesamt ist es aber ein unglaublich positives Gefühl, wenn ich mit meinem tollen Fahrrad in Höchstgeschwindigkeit über die weiten Straßen rausche, unter mir das Rattern der Kette und das Summen der schmalen Reifen auf Asphalt höre und merke, dass ich immer noch schneller sein kann. Ich hätte niemals erwartet, dass ich Jobs wie diese nach nicht mal einem halben Jahr nach dem Unfall durchführen kann und mir dabei stärker vorkomme als je zuvor.

 

Ernüchternde Paracordwelt

 

Was ich in all den Wochen gelernt habe, möchte ich euch am Ende des Artikels erzählen. Nun geht es noch um Paracord, die Schnüre eines Fallschirms. Für alle, die noch nie etwas davon gehört haben: Paracord ist extrem reißfest und man kann mit Feuer die Enden zweier Schnüre zusammenkleben. Mittlerweile gibt es unzählige Farben und Farbkombinationen. Man kann daraus Armbänder, Hundehalsbänder oder -leinen machen, Schlüsselanhänger oder Ketten. Die Idee stammt ursprünglich aus Amerika, wo in der Armee Armbänder aus Paracord für Notfälle genutzt wurden.

Eine meiner neuen Kreationen
Eine meiner neuen Kreationen

Neben all dem Fahrrad fahren habe ich also wirklich noch Zeit gefunden, mir Paracord zu bestellen und wieder mit Armbänder knüpfen anzufangen. Mein Traum, diese hier in Cairns zu verkaufen, ist allerdings schnell geplatzt, als ich am Wochenende auf dem Markt einen Stand mieten wollte. Ich traf ein Rentnerpärchen aus England, das seit Jahren in Australien lebt. Sie hatten hunderte Armbänder, zig Hundehalsbänder und -leinen und noch so vieles mehr. Und sie meinten, so richtig Geld könne man damit nicht verdienen. Da kam ich mir mit meinen 35 Armbändern echt lächerlich vor. Aber nur kurz! Denn dann sagte ich mir einfach: Okay, ich verkaufe meine Armbänder einfach langsam, nach und nach. Meine Reise wird ja noch eine Weile dauern und da kann ich immer wieder mal ein Armband loswerden. Ich habe auf jeden Fall verstanden, dass ich mit Paracord alleine nicht leben kann. Es bleibt entweder ein Hobby oder ich suche nach Möglichkeiten, etwas Neues mit Paracord zu erschaffen, eine Nische zu entdecken.

 

 

Was ich in den letzten Wochen gelernt habe

 

Mir ist klar geworden, dass ich mit Paracord kein großes Geld verdienen kann. Dafür bräuchte ich eine Idee für den Nischenmarkt. Ich warte einfach auf einen Einfall und solange verkaufe ich die Armbänder, die ich mache, einfach nach und nach an Menschen, die daran wirklich Interesse haben.

 

Der Vermieter der Pedicabs war seit langem der erste richtig negative Mensch, von dem ich mich ganz bewusst fernhalten möchte. Ich möchte mich mit positiven Menschen umgeben und das ist eine bewusste Entscheidung. Die kann jeder treffen. Spürt einfach, ob Worte oder Taten anderer euch gut tun oder schaden und lasst nicht zu, dass sie euch den Tag versauen. Deren Einstellung zum Leben muss nicht eure sein.

 

Ich lerne immer noch geduldiger zu sein und bin wieder im Arbeitsalltag angekommen. Da ich Freiberufler bin, kann ich meine Arbeitszeiten selbst festlegen, was ich überaus gut finde. Das passt mir deutlich besser als ein stressiger Stundenplan mit 5 Minuten Pausen. Das werde ich mir auch für meinen zukünftigen Job merken.

 

Ich habe tolle Menschen kennengelernt, im Hostel, im Pedicab-Job oder einfach zwischendurch. Es ist immer wieder schön, Rückmeldungen über meine Ausstrahlung zu bekommen oder einfach nur von anderen Leben Geschichten anzuhören. Im Hostel habe ich echt die größte Chance mit den verschiedensten Menschen in Kontakt zu kommen und zu sehen, dass mein eigenes Leben schön ist. Dass es mir gut geht. Dass ich gerade am richtigen Ort bin. Mir ist auch klar geworden, dass mir eine Kleinstadt zum Leben besser gefällt als eine Großstadt, obwohl ich denke, dass Kuala Lumpur da eine Ausnahme darstellt (hehe).

 

 

Ein Job, bei dem ich andere Menschen glücklich machen kann (mit Essen beispielsweise) und dabei noch Sport treibe, ist für mich die perfekte Kombination. Und ich spüre während der Arbeit wie mich immer wieder Glücksmomente ereilen und ich lächle. Ich weiß, dass das jeder von euch kennt. Darum geht es ja am Ende auch: Einen Job zu finden, der einem genau das bescheren kann. Ich hoffe, dass ich das alles noch bis Ende Januar durchhalte und ich nicht krank werde oder mein Fahrrad kaputt geht.

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Zusatz:

Auf meiner Reise bin ich in den letzten Wochen immer wieder auf Menschen getroffen, mit denen ich über Schmerz geredet habe, übers Verletzt werden. Und so oft habe ich zu hören bekommen, dass sie nicht mehr verletzt werden wollen. Dass das ein schlechtes, negatives Gefühl ist, das jeder fürchtet und sich davon fernhalten will. So bauen viele Mauern auf und geben anderen Menschen nicht mehr die Chance, sie zutiefst kennenzulernen. Deshalb möchte ich jetzt die Gelegenheit nutzen und einfach mal meine Meinung dazu sagen:

Ich denke, wir als Menschen, sind auf dieser Welt, um sie als Mensch zu erfahren. Menschen haben ein Bewusstsein und dadurch können wir als Menschen Gefühle bewusst wahrnehmen. Ich denke, wir sind auf der Welt, um das Mensch Sein zu entdecken und all die Facetten, die ein Leben als Mensch bietet. Wenn wir uns dazu entscheiden, glücklich sein zu wollen, aber den Schmerz, die Enttäuschung oder Verletzung außen vorlassen, dann werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Wer sich nicht öffnet aus Angst vor Verletzung, der wird auch nicht komplett lieben können. In allem findet sich immer wieder das Gleichgewicht, wie es in Yin und Yang dargestellt wird - für mich eine der grundlegendsten und ältesten Weisheiten dieses Universums. "Schmerz und Liebe umarmen sich und ergeben ein komplettes Ganzes."

Wir sollten also unser Denken öffnen und sagen: Ich bin ein Mensch und auf der Welt, damit ich das Mensch Sein erlebe. Es ist doch ein unglaublich schönes Geschenk, da wir so anders sind als Tiere und Pflanzen. Und zu diesem Geschenk gehört auch der Schmerz und Angst und Trauer und Verletzung und das alles. Es ist Teil unserer Aufgabe und anstatt es abzulehnen, könnten wir es annehmen und schauen, wie viel mehr dadurch möglich ist. Wir können im Schmerz auch das Gute erkennen und ihn begrüßen. Es ist möglich zu lernen, dass wir in einer schmerzhaften Situation dankbar dafür sind, dass uns das gerade passiert. Und Dankbarkeit ist Liebe und Liebe ist überall. Auch im Schmerz. Oder vielleicht besonders im Schmerz.

Die Angst davor verletzt zu werden lähmt uns und macht uns unfähig zu handeln. Uns vor Schmerz zu verschließen ist dabei aber nicht der Weg zum Glück. Im Gegenteil, er führt uns davon weg. Verschlossen und abwehrend kann man keine Liebe empfangen.

 

Ich habe das irgendwie nie gekonnt, auch wenn ich es manchmal wollte - mich vor Schmerz verschließen. Ich war immer offen und bin von einem Messer ins nächste gerannt. Das hat jedes Mal wieder weh getan. Aber Schmerz ist nur ein Gefühl, und Gefühle können uns nicht umbringen. Gefühle zeigen uns, ob etwas stimmt oder nicht in Ordnung ist. Mehr nicht. Sie sind Indikatoren für Zustände unseres Herzens und sie weisen uns immer auf etwas hin. Wir müssen nur anfangen die Gefühle zu verstehen und nicht uns von ihnen treiben zu lassen.

 

Was ich also sagen will: Wer sich dabei erwischt, wie er Mauern aufgebaut hat, damit er nicht mehr von anderen enttäuscht oder verletzt wird, der kann anfangen darüber nachzudenken, dass wirklich alle Facetten des Mensch Seins zum Leben dazugehören und man mehr Liebe empfindet und empfängt, wenn man den Schmerz begrüßt und zulässt. Er wird niemanden umbringen. Er zeigt euch lediglich, dass wir alle Menschen sind.



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