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Sarin, der Waise

About the World - Über die Welt

 

 

Wir wissen nur über die Welt, was wir denken über sie zu wissen. Auch, wenn unsere Erde durch ihre Kugelform begrenzt ist, so ist das, was sie enthält von unendlicher Vielfalt und unschätzbarem Wert und ohne Zweifel hält sie Wissen für uns bereit, dass wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Jedes Schicksal jedes Menschen, jedes Tieres und jeder Pflanze ist besonders und erzählenswert, wenn wir bedenken, dass alles Teil eines großen Ganzen ist, das aufeinander einwirkt und voneinander abhängig ist. Ich finde, mehr Menschen sollten sich bewusst machen, dass die Erde nicht nur das Land ist, in dem man zufrieden und in Wohlstand leben kann. Das Land ist dann ja nur eine Metapher für die eigene Wohlfühlzone, aus der man sein Leben lang nicht ausbricht, weil man dort sicher ist und sich gut zurückziehen kann. Erst, wenn wir diese Wohlfühlzone verlassen und Dinge tun, die wir selbst nicht von uns gedacht hätten, können wir über uns hinauswachsen und unsere Finger nach den Sternen ausstrecken, um unsere Träume zu verwirklichen.

Sarin - was für eine Persönlichkeit
Sarin - was für eine Persönlichkeit

Durch Sarins Geschichte ist mir klar geworden, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, dass ich reisen darf und meine Wohlfühlzone verlassen habe. Ich bin beeindruckt, mit welcher Offenheit er mir alles erzählt hat.

Es war für mich das unerwartete erste Restaurant in Battambang, in das mich Juan mitnahm, als wir die Stadt erreichten. Wir verbrachten dort mehrere Stunden, weil wir auf jemanden warteten. So erfuhr ich schon mal, dass Sarin der neue Inhaber war, da das „About The World“ vorher einem Spanier gehört hat.

Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal dort essen gehe, geschweige denn der Familie helfen kann. Doch durch den Umstand, dass ich 4 Wochen in Battambang wohnte, um wieder gesund zu werden, war ich dort am Ende 5 mal essen und einmal extra nur, um seinen Kindern zu helfen.

Mich hatte schon beim ersten Mal außerordentlich beeindruckt, mit welcher Freundlichkeit wir begrüßt wurden, wie herzlich die Gespräche waren und mit welcher Liebe das Essen gereicht wurde.

Sarins Vergangenheit

 

Dieser freundliche Mann auf dem Foto, man kann es vielleicht gar nicht glauben, ist sein ganzes Leben lang ohne Eltern aufgewachsen. Er hat sie nie richtig erlebt um Erinnerungen an sie zu haben. Er weiß auch seinen genauen Geburtstag nicht. Er weiß nicht, wie sie gestorben sind oder was alles passiert ist, bevor er bei seiner Tante und seinem Onkel landete. Wenigstens hatte er noch Familie, die ihn aufnehmen konnte/wollte. So lebte er mit ihnen auf dem Land.

Unter all seinen Cousins und Cousinen war er der Älteste. Dies bedeutete einen ungeheuren Arbeitsaufwand für den gerade mal 13 Jahre alten Jungen. Er musste in dem Alter auf all die Kinder aufpassen und trug eine unglaubliche Verantwortung. Er kochte jeden Tag, und zwar für die gesamte Familie. Er musste – ohne Ausnahme – jeden Morgen Wasser schleppen. Er hatte dafür nur 2 Flaschen, sodass er oft 20 bis 30 mal laufen musste, wenn nicht sogar 50 mal. Danach hieß es Frühstück für seine Cousins und Cousinen zubereiten, danach musste er das große Haus sauber machen. Insgesamt fiel viel Arbeit an und er hatte sie zu erledigen. So verbrachte Sarin seine Kindheit damit, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Er hatte keine andere Wahl.

Mit 22 war er so tottraurig, dass er sich jede Nacht in den Schlaf weinte. Er träumte doch auch nur von einem schönen Leben, einer tollen Arbeit und vielleicht auch schon von seiner eigenen Familie, mit einer Frau, die er liebte. Sein Onkel bemerkte Sarins Traurigkeit und beschloss ihm zu helfen. Mit seiner (u.a. auch finanziellen) Unterstützung konnte Sarin nach Battambang ziehen, wo vielversprechende Veränderungen auf ihn warteten. Tagsüber besuchte er die Schule, um all das zu lernen, wozu er vorher keine Zeit gehabt hatte. Nachts schlief er bei seiner Großmutter, zu der er aber gar kein richtiges Verhältnis hatte.

2 Jahre später – da war es 1995 – ging er für kurze Zeit zu seinen Verwandten aufs Land zurück, doch schon bald kehrte er nach Battambang zurück und lebte 9 Monate unter den buddhistischen Mönchen. Dies ermöglichte ihm vor allem das Lernen der englischen Sprache, die er dort kostenlos gelehrt bekam. Er lernte schnell und viel und so konnte er nach der Zeit als Mönch zu seinen Cousins, Tante und Onkel zurückkehren und Nachbarn, Freunden und Bekannten Englisch beibringen. Er wollte ihnen helfen und sah Englisch als das Tor zur Welt. Ein Jahr lang brachte er den Leuten in seiner Umgebung Englisch bei, wohl gemerkt, ohne dafür Geld zu bekommen. In dieser Zeit kam es oft vor, dass seine Cousins Geld von ihm leihen wollten.

[Sarin betonte beim Erzählen seiner Geschichte, dass die Khmer sich gern und oft Geld leihen und es normal ist, dass man es nie wiedersieht; das ist bis heute so]

 

Er lieh seinen Cousins aber nie Geld. Stattdessen ermutigte er sie und unterstützte sie dabei Arbeit zu finden, damit sie sich kein Geld mehr leihen mussten.

 

Erst 1998 kehrte er nach Battambang zurück und ein Jahr später heiratete er seine jetzige Frau Setha. Mir fällt gerade auf, dass ich nicht weiß, was er dann gemacht hat. Das liegt aber auch daran, dass wir nicht viel Zeit hatten, da er immer viel Kundschaft hatte. Jedenfalls erzählte er mir auch, dass er einen Spanier kennenlernte, der mit ihm gemeinsam in Grundstücke und Gebäude investieren wollte. Doch Sarin besaß kaum Geld und sah auch die Gefahr in solch einer Investition. Er konnte genauso gut alles verlieren, was er hatte. Später wurde er vom Spanier im Restaurant angestellt, zusammen mit seiner Frau.

Sarins Gegenwart

 

Seit bald eineinhalb Jahren ist Sarin der eigenständige Inhaber des „About The World“ und führt es richtig gut. Es ist unter den besten Restaurants in Battambang aufgeführt und zieht jeden Tag viele hungrige Menschen an.

Nebenbei – und das will er seiner Frau noch nicht sagen, weil sie mit dem Restaurant zufrieden ist – verfolgt er immer noch den Traum, seiner Familie mehr Sicherheit zu bieten. Er hilft jeden Tag eine gewisse Zeit einem Freund, dem ein Hotel in Battambang gehört, sodass er zusätzlich Geld verdienen kann. Irgendwannn will er damit als eine Art Manager einen 5-Jahres-Vertrag bekommen. Und mit dem Geld will er dann wohl doch ein Grundstück oder Haus kaufen und es später für mehr verkaufen.

 

Gemeinsam mit seinen zwei ältesten Kindern habe ich an einem ruhigen Sonntag sein TripAdvisor-Profil durchgeschaut. TripAdvisor ist die wohl wichtigste Plattform für Restaurants und Orte, an die Touristen gerne reisen wollen. Hier bekommen diese Orte Einschätzungen von den Besuchern, die sehr wichtig für das Business sind, weil jeder lesen kann, welches Restaurant besonders gut oder besonders schlecht eingeschätzt wird. Ich habe den beiden erklärt, wie sie auf Kundenrezensionen antworten können und wir haben analysiert, was hauptsächlich die Beschwerdegründe sind, sodass wir herausgefunden haben, was die Familie an dem Restaurant verbessern kann. Da ich TripAdvisor selber nicht nutze, hab auch ich an diesem Tag etwas dazugelernt.

Sattya
Sattya
Sambath
Sambath
Vityea
Vityea
Sarin
Sarin

Wenn irgendjemand einmal nach Battambang reisen sollte, besucht doch diese nette Familie und genießt das liebevoll zubereitete Essen. Ich wünsche mir schon, dass ich irgendwann nochmal dort vorbeischauen kann, einfach um zu sehen, wie es ihnen geht.

Ich bin sehr dankbar für die Gastfreundlichkeit und dass mir Sarin seine Geschichte erzählt hat. So wird er für mich für immer ein bedeutender Teil meiner Reise sein und vielleicht sogar in einem Leben. Wer weiß, was noch alles auf ich zukommt.

 

Danke fürs Lesen und wie immer hoffe ich, dass euch dieser Einblick (diesmal in das Leben einer Khmer-Familie) gefallen hat. Lasst mir doch einen Kommentar da und sagt mir, was ihr nach dem Lesen fühlt oder denkt.

 

Bis bald!!

 

Euer Martin


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Kommentare: 2
  • #1

    Jana und Andreas (Dienstag, 03 April 2018 20:13)

    Lieber Martin, vielen Dank für den interessanten Einblick in eine Khmer Familie. Es war nicht immer friedlich in diesem Land. Dennoch gibt es solche tollen freundlichen Menschen... die mit nichts oder wenig so viel geschafft haben. Wir freuen uns, dass du helfen wolltest und konntest. Das ist so schön. :) :) :)
    Wenn wir mal dort sind, werden wir als erstes Essen gehen im About the world. :)
    LG von uns , mach weiter so und bis zum nächsten Blog. ;)

  • #2

    Stefan (Freitag, 04 Mai 2018 12:49)

    schöner Einblick in die Geschichte eines Menschen dort. Schön wäre eine Googlemaps Karte zum genauen anschauen, wo sich das Restaurant befindet! :)