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Meine Wunderheilung

Ich habe lange überlegt, welchen Titel ich für diese Geschichte wähle. Ich will nämlich so viel sagen und loswerden, dass es mir echt schwer fiel, mich für eine Überschrift zu entscheiden. So steht erstmal alles unter diesem Motto der Wunderheilung, von der ihr sicherlich endlich alles erfahren wollt.

 

Meine wochenlange Verletzung

 

Zuerst möchte ich jedoch für diejenigen, die bisher nicht alle Beiträge gelesen haben, kurz zusammenfassen, warum ich überhaupt eine Wunderheilung benötigte und für die, die bereits alles wissen, ihr Gedächtnis auffrischen. Vor mittlerweile 7 Wochen zerrte ich mir die Wade beim Sporttreiben auf dem Gelände vom Coffeeat. Wahrscheinlich habe ich mich nicht richtig aufgewärmt oder/und bin auf unebenem Boden aufgekommen, als ich Wechselsprünge machen wollte. Im Krankenhaus von Koh Kood bekam ich Verbände, Schmerztabletten und viel zu kleine Krücken. Trotz der Verletzung bin ich ein paar Tage später nach Kambodscha gereist und habe dort 4 Wochen gewohnt. Ich bin sogar 2 Tage zum Angkor Wat und war dort jeweils 5 Stunden (mit besseren Krücken) die Tempel erkunden. Wer Zeit hat, kann auch nochmal meine Reise über die kambodschanische Grenze lesen oder wie ich die 4 Wochen in Battambang verbracht habe.

 

Nach Kambodscha war eigentlich ein Roadtrip durch Vietnam geplant, doch im Hotel in Battambang stand ich so unachtsam auf, dass ich mit dem verletzten Fuß zuerst aufkam und mir selbst mehr weh tat als beim eigentlichen Unfall. Ich fuhr wieder ins Krankenhaus, doch man sagte mir nicht viel Hilfreiches. Das half mir nicht wirklich weiter, mein Ziel, wieder gesund zu werden, auch zu erreichen. Also musste ich auf jeden Fall den Roadtrip mit Dustin absagen und entschied mich, anstatt nach Deutschland zurückzufliegen, wieder nach Koh Kood zu fahren, wo mich Jah pflegen würde. Dort bin ich seit Ende März in ihrer Obhut und liege so vor mich hin.

Komplette Verwirrung, oder „Wie ich mich fühlte“

 

Ich möchte kurz dazwischenschieben, wie ich mich in der Zeit so gefühlt habe, weil ich denke, dass sehr viele Menschen mit Verletzungen und deren Folgen zu kämpfen haben. Sportler und aktive Menschen, die jeden Tag viel Bewegung brauchen und viel zu viel Energie haben. Aber auch alle, denen so etwas passiert. Ich selbst habe mich in Kambodscha gar nicht gut gefühlt. Es ist die erste so große und lange Verletzung in meinem Leben und somit auch das erste Mal für mich, dass ich so lange nichts machen kann, außer herumzuliegen, zu essen und mir dabei zuzusehen, wie meine Muskeln schwinden. Ich habe so schon nicht viel an mir dran. Und 7 Wochen ohne Sport, da wundere ich mich selbst, dass ich überhaupt noch zu sehen bin. Es war frustrierend und unbefriedigend. Den ganzen Tag herumliegen ist absolut nicht das Richtige für mich. Ich stellte mir oft vor, wie sich Rennen anfühlte und das Gehen. Ich hatte schon nach 3 Wochen vergessen, wie es war, ohne Krücken laufen zu können und sich keine Gedanken darüber machen zu müssen. Das zog mich ziemlich tief runter. Dazu kam, dass ich nicht mal ein Licht am Ende des Tunnels sehen konnte, weil niemand da war, der mir ganz klar sagen konnte, was zu tun war oder wie lange es dauern würde.

Nun ja, ich habe viele Dinge nicht ernst genug genommen, aber ich bin hier auch alleine und kein deutscher Freund oder Arzt sieht genau, was es ist und kann mir demzufolge auch nicht sagen, was genau verletzt ist. Ob Zerrung oder Faserriss. Ich wusste, dass keine Sehne gerissen war, aber das war es auch schon. Ich bin viele Wochen planlos umhergeirrt und habe mich nicht richtig informieren können. Ich wusste nicht, ob ich kühlen oder wärmen sollte, weil jeder etwas anderes sagte. Ich habe also das Beste meinerseits ausprobiert und weiß nun, dass das nicht genug war. Ich war wütend auf mich und gleichzeitig sehr traurig. Das letztere wollte ich mir gar nicht eingestehen, weil ich sonst wirklich in ein tiefes Loch gefallen wäre.

 

Sicherlich fragen sich manche von euch nun, warum ich nicht einfach nach Deutschland zurückgeflogen bin, wo ich Familie und Freundin habe, die sich um mich kümmern würden, aber vor allem deutsche Ärzte mit modernen Geräten und Methoden. Das wäre doch der sicherste Weg, oder? Berechtigte Frage, hier kommt die berechtigte Antwort. Erstens wollte ich meine Reise nicht nach ein paar Wochen abbrechen, zweitens hätten mich die Flüge nach Deutschland (und dann wieder zurück) etwa 1000 Euro gekostet und drittens fühlte ich mich bei der Entscheidung für Koh Kood am besten. Es war also eine durchdachte, aber ebenso gefühlte Entscheidung.

Nach Regen folgt Sonnenschein

 

Und durch diese Entscheidung kam ja alles andere, was danach passierte, auch ins Rollen. Zum Beispiel passierte es, dass meine Freundin und ich uns kurz nach meinem Geburtstag trennten, weil wir beide gemerkt haben, dass uns dieser Zustand (der Entfernung und Zeitverschiebung) nicht gut tat und wir wollten beide für uns selbst und für den anderen einfach das Beste, und das war eben die Trennung. Durch dieses Ereignis stand ich nun vor der nächsten Herausforderung: Dies neben meiner Verletzung zu verarbeiten und damit klarzukommen, dass sich unsere Wege getrennt haben. Aber wenn ich gleich etwas Positives daran sehen konnte, dann dass ich wusste, ihr wird es ab sofort besser gehen. Und da ich ab dem Tag wirklich auf mich alleine gestellt auf Reisen war, zudem nichts unternehmen konnte, um mich abzulenken und gerade an diesen Tagen keiner aus meiner Familie direkt ansprechbar war, wurde ich dazu gezwungen, mich mit mir und meinen Gedanken zu beschäftigen. Und während ich vom Coffeeat aus in den Dschungel starrte, spielten in meinem Kopf die verrücktesten Gedanken ihr Schauspiel. Ich saß apathisch in meinem Liegestuhl und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Aber irgendetwas wehrte sich in mir dagegen. Und auch, wenn das jetzt so klingt, als hätte ich sinnlos gegrübelt und als wäre ich in einer Welt aus negativen Gedanken versunken, war dem nicht so. Es war wohl alles nötig, um mich in meiner Selbstfindung voranzubringen. Ich habe in der Zeit viele Vorträge und Videos zum Thema Selbstfindung, Selbstliebe und Selbstmitleid geguckt und Podcasts zu interessanten Themen angehört. Und diese haben mir einen Anstoß gegeben, wodurch ich in wenigen Tagen mehrere bedeutende Erkenntnisse über mein Leben und mein Ich hatte, die mich wirklich von innen verändert haben. Genau das Ziel, das ich mit meiner Reise verfolge, oder nicht?

So, wie die Sonne jeden Tag auf- und untergeht, so begegnet uns auch das Glück und das Gute im Leben.
So, wie die Sonne jeden Tag auf- und untergeht, so begegnet uns auch das Glück und das Gute im Leben.

Das Leben will nur Gutes

 

Bevor ich also endlich gleich zur Wunderheilung komme, möchte ich denen, die vielleicht mal in dieselbe Situation kommen wie ich, noch einen Tipp geben: Wenn ihr aus irgendeinem Grund ans Bett gefesselt seid und nichts von all den geliebten Dingen tun könnt, die ihr jeden Tag gemacht habt, dann hat das einen Sinn. Und wenn es immer schlimmer wird und die Genesung immer länger dauert, dann hat das einen Sinn. Und diesen Sinn bekommt ihr zum Beispiel heraus, wenn ihr diese Zeit, die euch da auferlegt wird, nutzt, um in euch selbst nach Antworten zu suchen. Verfolgt doch mal eure Gedanken. Ihr werdet merken, wie oft ihr in eurer Vergangenheit landet. Und wie oft ihr von der Zukunft träumt und euch in irgendwelche „Was wäre wenn“-Sätze verstrickt. Zum Beispiel, wenn ihr fürchtet, dass eure Verletzung nie wieder heilt und ihr all die wundervollen Dinge, die ihr jetzt schon so sehr vermisst, nie wieder tun könntet (Achtung, negativer Gedanke! Nicht weiter verfolgen). Wenn es wirklich dazu kommen sollte, dann hat das einen Sinn. Dann hat das Leben etwas Besseres mit euch vor. Das Leben weiß am besten, wohin ihr gehört. Es wird euch dahin leiten mit aller Kraft und anstatt eure Energie dafür zu verwenden, euch dagegen zur Wehr zu setzen, könnt ihr sie lieber produktiv nutzen. Nicht euch selbst aufhalten, runterziehen oder bemitleiden. Lieber in euch gehen, Fragen stellen, herausfinden, welchen Sinn das Geschehene für euer Leben hat. Anstatt weiterzurasen, einfach mal innehalten und auf eure innere Stimme und euren Körper hören.

Ein Blick in die Sterne reicht und ich weiß, dass alles gut werden wird.
Ein Blick in die Sterne reicht und ich weiß, dass alles gut werden wird.

Pong, der Wunderheiler (oder doch eher Masochist?)

 

Nun geschah auch mir etwas Gutes, nach all dem Quatsch, den ich mir selber angetan hatte. Als ich nämlich mit meinen Krücken auf das Boot für den Schnorcheltrip mit der Gruppe Thai kletterte, wurde Jah von Bewohnern des Fischerdorfes angesprochen, die wissen wollten, was ich für eine Verletzung hatte. So empfahlen sie einen Mann namens Pong, der wohl auch eine Bekannte behandelte, die zur selben Zeit das gleiche Problem hatte.

Schon am nächsten Abend kam er ins Coffeeat und schaute sich meinen Fuß an. Keine 3 Minuten später war ich von unglaublicher Freude und tiefer Hoffnung erfüllt. Jah grinste und übersetzte mir nämlich, dass Pong meinen Fuß in 3 Tagen gesund machen könnte. Gleich am nächsten Morgen kam er vorbei und fing direkt an. An dieser Stelle habe ich mir bereits bei der Massage überlegt, wie ich es am besten schreibe. Ich hoffe einfach, ihr könnt euch das Folgende vorstellen: Pong massierte eineinhalb Stunden lang die Stelle an meinem Fuß, die auch schon ohne Berührung weh tat. Und dieser Mann hatte Unterarme, so dick wie manche Oberarme. Seine Massage bestand aus 100% Schmerz, einem dauerhaften Lächeln im Gesicht und ein paar wenigen Worten Englisch, wie zum Beispiel „Pain? Good, good!“ oder „3 days, you can walk“. Der Schmerz war unerträglich, jedes Mal wenn seine Finger kraftvoll über den Ansatz der Sehne an der Hacke fuhren. Es war wie mit einer dicken Nadel oder einem Messer immer wieder in die Haut zu schneiden. Menschen, die sich tätowieren lassen, kennen in etwa den Schmerz. Im Nachhinein erfuhr ich, dass alle Patienten bei Pongs Massage schreien mussten. Also war ich ja doch keine Heulsuse, ich hatte mich trotz allem zurückgehalten.

Für alle, die jetzt denken, das kann doch niemals geholfen haben, kommt das Unglaubliche: Nach der ersten Tortur konnte ich meinen Fuß wirklich besser bewegen als vorher. Die Schwellung war deutlich zurückgegangen. Ab diesem Tag brauchte ich keine Krücken mehr, da ich ohne Schmerzen auftreten und meinen Fuß deutlich besser bewegen konnte. Ich war froh, dass mich das Leben auf diesen Weg gelenkt hatte, denn in Deutschland wäre mir so etwas Verrücktes wohl nie passiert.

Am zweiten Tag wiederholte sich die ganze Prozedur, mit dem Unterschied, dass ich dem Schmerz manchmal entgegenlächeln konnte. Ich wusste, er lohnt sich und er bringt mich nicht um (so dumm, wie es klingt). Einmal konnte ich meinen Lachflash nicht zurückhalten, als mir Pong meine Zehen langzog. Dieses Geräusch dabei war einfach zu lustig.

So überstand ich eine weitere qualvolle Massage von Pong, doch eine sicht- oder spürbare Verbesserung blieb aus. So wartete ich erstmal etwas ernüchtert auf den dritten Tag. Jetzt musste ja wirklich ein Wunder passieren.

Am dritten Tag kam Pong und kündigte eine weniger schmerzhafte Behandlung an. Während der Stunde erklärte er Jah die ganze Zeit, wo das eigentliche Problem lag. Und in dem Moment konnte ich direkt meine neu gelernten Erkenntnisse umsetzen. Denn es stellte sich heraus, dass die Sportverletzung in der Wade längst verheilt war. Ich selbst war es, der sich durch eine unachtsame Sekunde im Hotel in Battambang selbst verstümmelt hatte. Und diese eine Sekunde führte zu einer angerissenen Sehne an meiner Ferse. Und bis diese heilte, dauerte es leider länger als drei Tage. Das war ernüchternd, die Hoffnung zerschmetternd und wäre ich noch derselbe, hätte ich wohl auch mich selbst zerschmettert mit Selbstanschuldigung und Selbstmitleid. Doch ich akzeptierte diese Info, denn sie war vergangen und es gab immer noch Hoffnung. Und so durchlaufe ich seit diesem Tag bis heute dreimal täglich eine Koch-Meinen-Fuß-Mit-Heißem-Zitronengraswasser-Behandlung.

Wunderheilung = Wunder auf Zeit?

 

Jeden Tag wird es minimal besser und so nähert sich mein Aufenthalt in Koh Kood langsam dem Ende beziehungsweise einer Verlängerung. Am 23. April steht ein Kontrollbesuch im Krankenhaus an, dann wird sich entscheiden, wie es für mich weitergeht. Mein größter Traum zur Zeit ist, dass ich in drei Wochen nach Indonesien fliegen kann, um an dem letzten Trance-Festival in Südostasien in diesem Jahr teilnehmen zu können. Auch, wenn die Chancen schlecht stehen, so soll es für mich ein anpeilbarer Traum sein, damit ich nicht vergesse, vorsichtig und zurückhaltend zu sein.

Manchmal erwische ich mich noch, wie ich das Laufen vermisse und wenn ich kurz Angst habe, dass der Fuß vielleicht nie wieder zu 100% gesund wird. Aber dann steckt er wieder im dampfenden Zitronengraswasser und Jah sagt trocken „Better cook foot. So no cut foot!“ (auf Deutsch: Lieber den Fuß kochen, als den Fuß abschneiden).

Dann lachen wir beide, denn uns erfüllt gegenseitiger Dank, jeden Tag aufs Neue. Und dann gibt es leckeres Essen und die Martin-typischen Blödeleien und so taucht wieder Hoffnung auf und das Wissen, dass es immer einen Weg nach vorn gibt – wenn man positiv denkt.

 

Vielen Dank für euer Interesse und Durchhaltevermögen, diesen echt langen Text zu lesen. Ich würde mich freuen, wenn ihr einen Kommentar dalasst, nämlich, ob ihr schon mal in einer ähnlichen Lage wart und was euch da geholfen hat.

 

 

Euer Martin


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Kommentare: 6
  • #1

    Ireen (Dienstag, 17 April 2018 21:25)

    Danke für diesen schönen Beitrag. Ich werde bestimmt daran zurückdenken, wenn ich das nächste Mal ans Bett gefesselt bin und darüber nachdenken, was mir das Leben sagen will. :)

  • #2

    Ireen (Dienstag, 17 April 2018 21:26)

    Ich drücke dir die Daumen, dass du dir deinen Traum erfüllen kannst und wenn nicht, dass dein Fuß in naher Zukunft der alte sein wird!

  • #3

    Familie (Mittwoch, 18 April 2018 05:48)

    Es ist so schön zu sehen, zu hören und zu lesen, wie du dem Ziel deiner Reise näher rückst.
    Wir denken immer an dich, fühlen und freuen uns mit dir.

  • #4

    Lui (Mittwoch, 18 April 2018 17:07)

    Schön, wieder etwas von dir zu lesen!
    Halte durch! Du schaffst das ��☀️

    Liebe Grüße Lui :)

  • #5

    Ute (Freitag, 04 Mai 2018 08:12)

    Danke für die persönlichen Einblicke in dein Leben. Es ist wirklich mutmachend. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Zuversicht auf deiner Reise und für deinen genesungsprozess.

  • #6

    Stefan (Freitag, 04 Mai 2018 13:13)

    Mega cool! Vorallem bei der Massage musste ich mehrmals lachen, weil ich mir das so gut vorstellen konnte haha
    Dann jetzt immer schön achtsam weiter "gehen"!